Kultur

"El Olivo - Der Olivenbaum": Entwurzelt, verkauft und verraten

Ein uralter Baum dient als Symbol für Verlust. Damit wird "Der Olivenbaum" eine starke kapitalismuskritische Parabel aus Spanien.

Um ihren Opa aus der Depression zu retten, versucht die widerspenstige Alma (Anna Castillo) den zweitausend Jahre alten Olivenbaum wiederzufinden, den ihr Vater nach Deutschland verkauft hat: In "El Olivo - Der Olivenbaum" üben die spanische Starregisseurin Icíar Bollaín ("Und dann der Regen") und ihr schottischer Drehbuchautor Paul Laverty ("The Wind That Shakes The Barley") Kapitalismuskritik am Beispiel eines Baumschicksals.

"El Olivo" wirkt wie ein Märchen. Ist die Geschichte erfunden?
Icíar Bollaín: Nein, solche Bäume gibt es wirklich. Paul Laverty hat in der Zeitung von einem uralten Olivenbaum gelesen, der ausgegraben und nach Deutschland verkauft wurde. Paul war schockiert bei dem Gedanken, dass etwas so altes, mit einer Landschaft verwurzeltes, das zweitausend Jahre von einer Dorfgemeinschaft gepflegt worden war, verpflanzt werden kann. Denn wäre er nicht gepflegt worden, hätte der Baum ja nicht überlebt, und umgekehrt hat er wiederum Öl und Früchte gegeben, die die Menschen ernährt haben.

Und dass jemand mit genug Geld sich so ein Monument einfach kaufen und in den eigenen Garten pflanzen kann zur Dekoration, funktioniert als große Metapher, für Kapitalismus, für Globalisierung, und dafür, wie sich Spanien von den Boomjahren der Neunziger bis heute verändert hat.

Damals wurden solche uralten Bäume wirklich ausgegraben und verkauft, und die Leute versuchten, sich mit dem Erlös wirtschaftlich zu sanieren. Aber als ein paar Jahre später die Krise kam, mussten all die Unternehmen, die im Boom gegründet wurden, wieder zusperren. Und damit war der Verlust dieser Bäume umsonst.

Der Olivenbaum ist mit der mediterranen Kultur eng verknüpft, spielt das auch hinein in Ihren Film?
Oh ja, der Olivenbaum ist heilig bei den Palästinensern, er ist ein Symbol für die Mittelmeer-Kulturen. Es ist der Baum, dessen Zweig die Taube im Alten Testament bringt, die Friedenstaube, die auch Picasso gemalt hat, das alles steckt da mit drin. Was für eine kraftvolle Metapher, so ein uralter Olivenbaum, der noch von den alten Römern gepflanzt wurde! Diese Bäume sind ein Stück Geschichte, das ist unser Erbe. Und etwas so Schönes und Symbolträchtiges ist zu einer Dekoration geworden, die man einfach verkaufen kann. Was passiert mit den Menschen, wenn jemand so eine Entscheidung trifft? Um diese Frage herum ist der Film gebaut.

Der Olivenbaum wird nach Deutschland verkauft, und Alma reist ihm nach, um ihn zurückzuholen. In dieser Begegnung wird offenbar, dass Spanier gegenüber den Deutschen einen Minderwertigkeitskomplex haben.
Deutschland hat in unserer Geschichte immer wieder eine wichtige Rolle gespielt, mehr als viele andere europäische Staaten. Und ja, wir haben einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Deutschen - wie denn auch nicht? Viele von uns sind in dieses große, wirtschaftlich starke Land emigriert. In den Sechziger Jahren waren es noch einfache Arbeiter, und heute gehen die jungen Leute wieder nach Deutschland, eine gewaltige Welle gut ausgebildeter Spanierinnen und Spanier, die daheim keine Arbeit finden, und dort ankommen mit nichts in der Tasche und großen Sprachproblemen.

Und dazu kommt: All die wirtschaftlichen Maßnahmen, die Spanien nun seit Jahren schon so unter Druck setzen, gehen von Deutschland aus. Die Deutschen sind die treibende Kraft hinter den Einschnitten, hinter der Austerität, die die spanische Bevölkerung alles kostet. Also ja, Deutschland ist für uns wie ein strenger, mächtiger großer Bruder. Aber wir erfahren auch Solidarität von den Deutschen.

In Ihrem Film funktioniert diese Solidarität vor allem über Social Media, in Ihrem letzten Film "Und dann der Regen" gab es noch physische Straßenproteste.
In Spanien gehen wir tendenziell immer noch auf die Straße für Demonstrationen. Ich lebe jetzt in Edinburgh, und wenn es da eine Demo gibt, stellt immer eine Gruppe spanischer Aktivisten Dinge auf die Beine, und bei denen mache ich mit. Jeder wirksame Protest braucht ja Bilder von Aktionen, die dann übers Netz verbreitet werden können. Ich finde Aktivismus vom Schreibtisch aus nicht weniger wichtig und gültig als Aktivismus auf der Straße. Es braucht unbedingt beides.

Kino: El Olivo - Der Olivenbaum. Tragikomödie, Spanien/Deutschland 2016. Regie: Icíar Bollaín. Mit Anna Castillo, Javier Gutiérrez, Start: 2. Sep.

(SN)

Aufgerufen am 18.06.2018 um 07:28 auf https://www.sn.at/kultur/el-olivo-der-olivenbaum-entwurzelt-verkauft-und-verraten-1110748

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