Kultur

Elbphilharmonie - Die im Eiweiß schwimmenden Eigelb-Säle

"Der Große und der Kleine Saal sind wie das Eigelb im Eiweiß - sie schwimmen auf Federn gelagert", sagt Architekt Jan-Christoph Lindert.

 SN/apa

Jan-Christoph Lindert vom Büro Herzog & de Meuron beschreibt die Konstruktion der Konzertsäle in der Hamburger Elbphilharmonie sehr bildlich. Auf die Weise sind die Räume von ihrer Umgebung akustisch entkoppelt - ein Muss angesichts der Lage im lebhaften Hamburger Hafen.

Dabei hätten weniger die Schiffshörner als die tiefen Frequenzen der Schiffsschrauben für akustische Probleme gesorgt. Um diese Fremdgeräusche auszuschließen, hatte der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota ein 1:10-Miniaturmodell des Saals mit filzbemantelten Männchen nachbauen lassen und klanglich vermessen.

Eines der wesentlichsten Elemente, das der Akustikexperte aus den gewonnenen Erkenntnissen kreiert hat, ist die von den Hamburger Vermarktern "Weiße Haut" getaufte Verschalung des Großen Saales mit 10.000 individuell gefrästen Gipsfaserplatten. Die eigentliche Farbe erinnert dabei eher an Pappe denn an Weiß - und bei der gestrigen Eröffnung des Baus musste jeder Besucher einmal auf die Wände klopfen und diese berühren. Der Farbton dürfte also mittelfristig eher noch dunkler werden.

Eröffnungskonzert konnte überzeugen

Das Ergebnis überzeugte beim Eröffnungskonzert akustisch jedoch vollends. Obertonreich, klar und doch einen angenehmen Mischklang produzierend, hat sich die Elbphilharmonie klanglich zweifelsohne an die Weltspitze katapultiert.

Die Federlagerung des Saales hat dabei einen für die Zuschauer wohl kaum merkbaren Nebeneffekt. "Der Saal sinkt um zwei Millimeter ein, wenn 2.000 Leute drin sind", amüsiert sich Architekt Lindert. In den kommenden Monaten wird sich der Saal noch oft absenken - so viel lässt sich derzeit schon prognostizieren.

Die Besucher erleben einen Konzertsaal, der mit seinen 2.100 Plätzen eigentlich zu den größten seiner Zunft gehört und durch das Weinberg-Prinzip der amphitheatralen Verteilung der einzelnen Sitzgruppen im gesamten Rund dennoch eine überraschende Intimität ausstrahlt, kleinteilig ist, aber nicht kleinmütig. Die große Geste ist hier mit nordischem Minimalismus kombiniert.

Dabei kommt vieles dieser nordischen Noblesse eigentlich aus Österreich. Zumtobel aus Dornbirn hat die 2.800 Leuchtkörper der Innenbeleuchtung gefertigt, darunter 1.200 mundgeblasene Glaskugeln, während die Wiener Experten Waagner Biro für die gesamte Bühnentechnik der Ober- und Untermaschinerie verantwortlich zeichnen. Und der steirische Traditionsbetrieb Cserni formte nach den Vorgaben der Basler Architekten Herzog & de Meuron die Möblierung der verschiedenen Tresen im Haus.

Starker Auftritt nach innen und außen

"Die Elbphilharmonie ist das schönste Schiff, das nie in See stechen wird", lobte der wie die Tresen, Leuchten und Hubpodien aus Österreich stammende Intendant Christoph Lieben-Seutter beim Eröffnungsakt am Mittwoch sein neues Haus. Schließlich hat die Elbphilharmonie nicht nur im Inneren, sondern auch in der äußeren Gestalt einen starken Auftritt. Unten die Schale des alten Kaispeichers A aus 1966, archaisch, wuchtig.

Oben die ebenfalls massive und doch scheinbar schwebende Glasskulptur von Herzog & de Meuron, verbunden durch eine Fuge, einen sichtbaren Bruch, auf dem sich die öffentlich zugängliche Plaza befindet. Diese soll auch als öffentlicher Raum begriffen werden, wird mittels Fußbodenheizung zwar eisfrei gehalten, ansonsten aber nicht geheizt. Für die Ziegel hat man eigens ein Unternehmen ausfindig gemacht, das diese noch im alten Kohleofenverfahren mit entsprechenden dunklen Einschlüssen brannte, um stilistisch den Anschluss an die nebenliegende Speicherstadt zu schaffen.

Eine halbe Million Besucher hat sich diesen neuen Aussichtspunkt seit der Eröffnung Anfang November bereits angesehen. Und bei den Konzerten dürfte es nun nicht anders werden, ist die von Lieben-Seutter programmierte Saison doch bereits jetzt praktisch restlos ausverkauft. Im Rahmen des laufenden Eröffnungsfestivals sind dann am 21. Jänner die Einstürzenden Neubauten dran - und stellen mit ihrem Namen hoffentlich kein schlechtes Omen für den spektakulären Kulturbau dar. Es wäre schade um ihn.

Quelle: APA

Aufgerufen am 17.11.2018 um 06:18 auf https://www.sn.at/kultur/elbphilharmonie-die-im-eiweiss-schwimmenden-eigelb-saele-536554

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