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Amy-Winehouse-Doku: Sie war doch nur ein Mädchen

Entdeckt, verehrt, verachtet: Innerhalb weniger Jahre wurde die begabte Amy Winehouse in den Medien vom Star zur Witzfigur. Der Film "Amy" erzählt die Tragödie ihres Lebens.

Was war eigentlich mit Amy Winehouse los? In seiner Doku "Amy - The girl behind the name" rekonstruiert der Londoner Regisseur Asif Kapadia (der schon über den verunglückten Rennfahrer Ayrton Senna die Doku "Senna" gemacht hat) die Lebensgeschichte der großen Soulsängerin, die 2011 mit nur 27 Jahren an einer Alkoholvergiftung starb. "Amy" ist das traurige Dokument eines großen Verlusts.

SN: Waren Sie Fan von Amy Winehouse?
Kapadia: Ich kannte ihre Musik, und ich mochte sie. Ich habe zehn Jahre in Camden gelebt, wo sie herkommt, und ich habe sie als eine von den Unseren betrachtet, als Mädel aus der Gegend, fast eine Nachbarin. Wenn du aus Nordlondon bist, dann bist du eben stolz auf eine, die aus demselben Viertel kommt wie du und die was Tolles hinbekommt.

SN: Hat Amy Sie bei der Recherche zum Film überrascht?
Mir war zuvor nicht klar, wie witzig sie war. Das war eines der besten Dinge, die ich entdeckt habe. Wer hätte geahnt, dass sie so lustig und so clever war! Sie war cool und es war ihr scheißegal, was irgendwer von ihr dachte. Sie war frech und hart im Nehmen, sie hatte ihren eigenen Stil. Das mag ich an Londonerinnen. Und ich war überrascht, wie gut sie geschrieben hat. Ich weiß, wie schwer es ist, etwas Eigenes zu schreiben, das Menschen berührt und bewegt. Sie konnte das.

SN: Der Film beruft sich streckenweise wörtlich auf die Songtexte von Amy Winehouse.
Ja, die Songs geben die Struktur vor. Und wenn du die Texte dieser Songs genau liest, wird klar, wie persönlich sie sind. Es war alles da, vor unseren Augen, wir haben nur nicht richtig hingehört. Dieser Film handelt auch von ihrer Entwicklung als Künstlerin und woher Kunst überhaupt kommt. Hätte sie die Beziehung mit diesem Blake nicht gehabt, hätte sie das Album "Back to Black" nie gemacht. Wäre es wichtiger gewesen, diese Beziehung nicht zu haben, oder ist das künstlerische Ergebnis wichtiger? Ich habe über diese Dinge viel nachgedacht. Das zentrale Lied des Films ist "Love Is A Losing Game". Wenn dieser Song beginnt, ergibt plötzlich alles Sinn.

SN: Wie erfassen Sie den Kern eines Menschen, der nicht mehr lebt?
Jeder von uns weiß, wie ihre Geschichte ausgeht. Aber wo beginnen wir? Bei Amy, als sie ein junges Mädchen ist, beim Herumblödeln mit Freundinnen, beim Nebenbei-Gitarre-Spielen und dann beim Vortrag dieses großartigen Songs. Sie war damals glücklich und im Frieden mit sich selbst. Als ich diese Aufnahmen Freunden von mir gezeigt habe, haben sie geweint, weil sie nicht geahnt hatten, dass Amy einmal so fröhlich gewesen war. Mir hat ein Produzent, dessen Namen ich nicht nennen werde, gesagt: "Wer will schon einen Film über einen Junkie sehen?" Aber sie war so viel mehr. Und genau deswegen musste ich diesen Film machen.

SN: War es schwierig, mit ihrer Familie und ihren Freunden ins Gespräch zu kommen?
Viele leiden immer noch unter ihrem Tod, viele sind zornig. Viele fühlen sich auch schuldig und waren begreiflicherweise nervös, mit einem Journalisten oder Filmemacher zu sprechen, der sich womöglich wieder über Amy lustig machen würde, wie das so viele getan haben. Aber ich habe die Interviews nicht gefilmt, wir haben uns einfach im Studio hingesetzt, ich hab das Licht gedimmt, und sie haben erzählt. Und sobald sie mir vertrauten, rückten sie auch heraus damit, noch Video- oder Tonmaterial von ihr zu Hause zu haben, Fotos, Anrufbeantworter-Nachrichten und so weiter.

SN: Haben Sie je gezögert, die von Paparazzi aufgenommenen Videos und Fotos zu verwenden?
Wo ich sie verwendet habe, habe ich es bewusst getan. Mein Job als Regisseur ist es, ihre Geschichte zu erzählen, mit den besten Bildern, die ich finden kann. Außerdem hat Amy zu einem gewissen Punkt tatsächlich ihr Leben auch in die Linse der Fotografen gelebt, sie wurde davon massiv beeinflusst. Sie sehen im Film die Blitzlichter der Fotografen, Sie sehen, was das mit ihr macht, und auch das war notwendig zu erzählen.

SN: Verstehen Sie heute, warum sie so früh gestorben ist?
Es waren nicht nur die Medien, sondern der ganze Hurrikan um sie herum. Sie war nur ein Mädchen, das dürfen wir nicht vergessen. Psychologen sagen: Wenn du berühmt wirst, hörst du auf, erwachsen zu werden. Kinderstars, die mit elf berühmt sind, werden nie wirklich zwölf. Und wenn du mit 19 einen Plattenvertrag kriegst, wer sollte dann Nein sagen? Vor allem, wenn du ohne Grenzen aufgewachsen bist. Ihre Mum sagt selbst, sie konnte keine richtige Mutter für sie sein, ihr Vater war nicht da, also kannte sie keine Regeln. Sie hatte schon mit 15 eine eigene Wohnung. Und wenn du dich dann in den Falschen verliebst und wenn du dann berühmt wirst und ein Hitalbum machst - all das hat dazu beigetragen, dass sie immer instabiler wurde. Amy verdient es aber, dass die Leute zumindest jetzt sehen können, wie sie wirklich war.

Film: Amy - The girl behind the name. Dokumentarfilm, Regie: Asif Kapadia.

(SN)

Aufgerufen am 22.01.2018 um 02:55 auf https://www.sn.at/kultur/film-tv/amy-winehouse-doku-sie-war-doch-nur-ein-maedchen-2315125

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