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"Babadook": Muttersein kann Horror sein

Eine Single-Mama, ihr Sohn und ein ungebetener Hausgast: Das sind die Personen in dem großartigen australischen Film "Babadook".

Wenn du über ihn sprichst, wird er lebendig. Wenn du seinen Namen nennst, löst er sich aus den nächtlichen Schatten und leckt mit kalter Zunge an deinen nackten Zehen. Oh, du wirst wünschen, tot zu sein! Der "Babadook" ist in dem gleichnamigen Horrorfilm ein schwarzes Ungeheuer mit langen spitzen Nosferatu-Fingern und Zylinderhut. Es will eine Frau und ihren Sohn ins Verderben locken.

Amelia (Essie Davis) ist davon schon vor dem Auftauchen dieser finsteren Gestalt ergriffen: Sie erzieht ihren sechsjährigen Sohn Samuel (Noah Wiseman) allein, und Sam ist ein schwieriges, ängstliches und fantasiebegabtes Kind. Überall wittert er Monster, er hat Waffen gegen die unsichtbaren Angreifer gebaut, und wenn er etwas will, schreit er, bis er es bekommt. Samuel ist eine Nervensäge, die Dauerbetreuung braucht und durch sein Verhalten jeden freundlichen Kontakt zu anderen Menschen verhindert. Es ist der Horror. Einmal durchschlafen wäre schön Amelia würde gern wieder einmal eine Nacht schlafen. Stattdessen liest sie Abend für Abend Geschichten von Prinzessinnen und bösen Wölfen vor. Und dann findet Sam eines Abends ein Aufklapp-Bilderbuch namens "Mister Babadook" im Regal, das in makabren Reimen von einem Ungeheuer erzählt. Naturgemäß muss Amelia ihren Sohn auch diesmal vorm Zubettgehen stundenlang trösten.

Am nächsten Morgen zerreißt sie das Babadook-Buch und wirft es weg. Einmal durchschlafen wäre schön, ohne dass Sam panisch mitten in der Nacht unter ihre Decke kriecht. Vielleicht hilft ein Beruhigungsmittel? Wenigstens eine halbe Stunde Privatheit wäre schön, um das körperliche Sehnen zu stillen, um das sich schon so lang kein Partner mehr kümmert. Denn Sams Papa ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, auf der Fahrt ins Krankenhaus, als Sam zur Welt kam. Manchmal träumt Amelia insgeheim davon, wie ihr Leben verlaufen wäre, hätte sie kein Kind bekommen. Und dann taucht das zerrissene Babadook-Buch wieder auf: Geklebt und mit noch bedrohlicherem Text liegt es auf der Türschwelle und kündet von einer irren, mordenden Mutter, die zum Babadook geworden ist.

Scheiternde Mütter, die bestraft werden, gibt es in Film, Theater und Literatur zuhauf. Dafür existiert sogar ein Fachbegriff: "Mutterschelte" heißt das Leid, das Mutterfiguren widerfährt, wenn sie ihre Kinder vernachlässigen aufgrund ihres Berufs oder, noch schlimmer, aufgrund erotischer Begierde. Eine überforderte Mutter hingegen, die das Kinderkriegen bereut und trotzdem nicht zum Bösewicht wird, hat im Kino wenige Schwestern. #Regretting Motherhood: Mutterschaft bereuen Und auch in der Wirklichkeit ist sie immer noch ein Tabu: Seit einigen Wochen wird das Ergebnis einer kleinen israelischen Studie aufgeregt durch die Feuilletons gereicht. "Regretting Motherhood", also "Mutterschaft bereuen" nannte Orna Donath ihre Untersuchung, in der 23 Mütter unterschiedlicher Generationen anonym darüber sprachen, dass sie lieber kinderlos geblieben wären. Offenbar traf die Studie einen Nerv.

Der Gedanke, dass nicht jedes Kind zu jedem Zeitpunkt seines Daseins für seine Mutter pures Glück bedeutet, scheint uns fast so bedrohlich wie der Babadook. Ausgerechnet dieser kleine australische Horrorfilm findet nun überzeugende Bilder für das Dilemma: Das Grauen in "Babadook" ist eine glaubwürdige Metapher für die Überforderung der alleinerziehenden Mutter.

Mit ihrem Regiedebüt gelingt Jennifer Kent ein souveränes Psychogramm im nur auf den ersten Blick grellen Gewand des Horrorgenres. Denn gerade hier sind Dinge erlaubt, die in den Mainstream-Genres noch längst nicht angekommen sind, hier werden gesellschaftliche Normen infrage gestellt und neu verhandelt. Hier darf eine Mutter sogar zwischendurch ihr Kind hassen, ohne dafür bestraft zu werden. Der Sieg über das Ungeheuer kann nur gemeinsam funktionieren, aus einer komplizenhaften Zusammenarbeit zwischen Mutter und Kind. Dann aber kann auch das Muttersein gelingen.

Film: Babadook. Horror, Australien 2014. Regie: Jennifer Kent. Mit Essie Davis, Noah Wiseman. Start: 8. 5.

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(SN)

"Babadook": Muttersein kann Horror sein SN/thimfilm
Die Mutter ist müde und schlapp, der Sohn aber voll hellwacher Fantasie.
"Babadook": Muttersein kann Horror sein SN/thimfilm
Impressionen aus „Babadook“.
"Babadook": Muttersein kann Horror sein SN/thimfilm
Impressionen aus „Babadook“.
"Babadook": Muttersein kann Horror sein SN/thimfilm
Impressionen aus „Babadook“.
"Babadook": Muttersein kann Horror sein SN/thimfilm
Impressionen aus „Babadook“.
"Babadook": Muttersein kann Horror sein SN/thimfilm
Impressionen aus „Babadook“.

Aufgerufen am 21.04.2018 um 11:37 auf https://www.sn.at/kultur/film-tv/babadook-muttersein-kann-horror-sein-2507677

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