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Daniel Brühl im SN-Interview: Wahrheit wird auch erfunden

Amanda Knox und die medialen Bilder, das Geschichtenerzählen und der böse Humor der Österreicher: der Schauspieler Daniel Brühl im Gespräch.

War sie's oder war sie's nicht? Der Fall Amanda Knox hat jahrelang Medien und Gerichte beschäftigt. Nun hat Michael Winterbottom auf Basis des Kriminalfalls einen Film gedreht. Doch "Die Augen des Engels" beantwortet keine Fragen. Der Film begleitet den Regisseur Thomas (Daniel Brühl) bei dem Versuch, einen Krimi zu entwickeln auf Basis dieses Mordes; dabei begegnen ihm eine Journalistin (Kate Beckinsale) und eine junge Studentin (das 22-jährige Supermodel Cara Delevigne). "Die Augen des Engels" ist ein merkwürdiger Film über erfundene Wahrheiten, Mythenbildung und über kreatives Scheitern.

SN: In "Die Augen des Engels" spielen Sie einen Regisseur, der dem Zusammenbruch nahe ist. Haben Sie solche Momente auch schon erlebt?
Brühl: Nicht so heftig wie Thomas im Film, aber doch, es gab Phasen, in denen ich nicht zufrieden war mit meiner Situation und mit der eigenen Arbeit. Mit vielem, was diesem Thomas passiert, kann ich etwas anfangen.

SN: Er versucht, über Skype mit seiner kleinen Tochter Kontakt zu halten. Ist das ein brauchbarer Ersatz?
Gar nicht. Inzwischen bestehen immer mehr Regisseure darauf, Besprechungen über Skype zu machen, ich hasse das: Ich sehe auf diesem Bildschirm bescheuert aus, kann mich auf die Fragen nicht konzentrieren und rede nur Müll. Zum Kotzen! Aber ich bin generell unfähig, was alles Technische anlangt, ich hab auch das mit Social Media komplett bleiben lassen.

SN: Sie sind im Film ein Regisseur, der einen Film über diesen Mordfall drehen soll. Spielen Sie Michael Winterbottom?
Er sagte Nein, aber das stimmt nicht. Die Journalistin Barbie Latza Nadeau, von der die Buchvorlage stammt, hat mir hier recht gegeben. Die Zusammenarbeit mit ihr war besonders spannend: Sie hat uns zu einem Abendessen bei sich in Rom eingeladen, gemeinsam mit internationalen Journalisten, die den Fall schon seit Jahren verfolgen. Bei dem Essen waren beide Lager vertreten, jene, die von Amanda Knox' Unschuld überzeugt sind, und jene, die glauben, sie war's. Die haben über das Thema mit einer emotionalen Vehemenz gestritten, als wären sie verwandt mit Opfer oder Täter.

SN: Der Blickwinkel auf den Medienzirkus rund um den Fall hat Sie interessiert?
Ja, auch weil ich mich selbst dabei ertappt hatte, im Internet auf solche Artikel zu klicken, auch wenn ich mich dafür hasste. Man liest sich ein paar Zeilen durch, sieht das Foto und redet dann schon munter mit seinem gefährlichen Halbwissen über den Fall. Wie wird Meinung gebildet, wie kann man Bericht erstatten oder gar einen Film über so ein Thema machen? Man kann es dann eben nicht, das ist ja auch die Lehre, die Thomas im Film daraus zieht.

SN: Inzwischen drehen Sie fast mehr internationale Filme als daheim in Deutschland. Die Erfüllung eines Traums?
Ich hab mir nie als Ziel gesetzt, auf Englisch zu drehen. Aber es tat mir gut, dass Regisseure aus dem Ausland einen unvoreingenommenen Blick auf mich haben. Plötzlich kamen Rollen, die mir so in Deutschland nicht angeboten worden wären, Niki Lauda in "Rush" etwa.

SN: Sie haben nicht nur Niki Lauda gespielt, sondern jetzt auch den Ex-"Profil"-Herausgeber Hubertus Czernin in Simon Curtis' Restitutionsdrama "Frau in Gold". Wie kam es dazu, dass Sie zum Paradeösterreicher für englischsprachige Regisseure wurden?
Tja, das frag ich mich auch. Bei "Rush" hieß es ja zu Beginn sogar, ich müsste gar nicht so sprechen wie Niki, weil die Amis den Unterschied ohnehin nicht hörten. Aber für mich war das eines der wichtigsten Dinge bei dieser Rolle, weil diese Sprache so viel miterzählt. Das müssen die Engländer und Amerikaner erst kapieren, auch geografisch, dass euer kleines, seltsames Land so anders ist, auch in Sachen Mentalität. Mit dem Humor seid ihr ja den Engländer näher als uns, das Düstere und Abwegige und Sarkastische, das mag ich sehr.

Die Augen des Engels. Drama, Großbritannien u. a., 2015. Regie: Michael Winterbottom. Mit Daniel Brühl, Kate Beckinsale, Cara Delevigne.

Quelle: SN

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