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"Fifty Shades of Grey": Was ist das Geheimnis dieser Lippen?

Der Hype um den Erotikfilm "Fifty Shades of Grey" zeigt vor allem Defizite des Gegenwartskinos.

Dass es ein sogenannter "guter Film" ist, hatte niemand erwartet: "Fifty Shades of Grey" feierte am Mittwochabend vor aufgeregtem Berlinale-Publikum seine Weltpremiere. Es wurde gekichert, ein wenig gegähnt und manchmal an den falschen Stellen gelacht, etwa wenn der romantische Held nach dem Sex nackt am Flügel sitzt und Chopin spielt.

Schon vorab hatten sich Zehntausende ein Ticket für den Film gekauft, ob er bei der Filmkritik durchfällt oder nicht, ist egal: Schon die Buchvorlage von E. L. James, obwohl ursprünglich nur für ein Twilight-Fanforum geschrieben, wurde aufgrund ihrer Sprache und der platten Geschichte verrissen - und verkaufte sich trotzdem weltweit über hundert Millionen Mal und wurde in 52 Sprachen übersetzt.Die Studentin und der Milliardär"Fifty Shades of Grey" erzählt die Geschichte der unerfahrenen Literaturstudentin Anastasia Steele, die den 27-jährigen Milliardär Christian Grey kennenlernt. Grey umkreist sie zwar wie die Motte das Licht, erklärt ihr aber zugleich, er sei der falsche Mann für sie, macht ihr teure Geschenke, um ihr endlich darzulegen, dass für ihn eine romantische Beziehung nicht infrage komme und dass Handschellen, Peitschenhiebe und Bondage für ihn zur Befriedigung unerlässlich seien. Es ist eine Liebesgeschichte hart an der Grenze zum emotionalen Missbrauch. In Filmbilder umgesetzt hat das die britische Regisseurin Sam Taylor-Johnson, die mit "Nowhere Boy" vor ein paar Jahren ein passables Porträt des jungen John Lennon abgeliefert hatte. Für das Drehbuch hatte sich E. L. James für die Autorin Kelly Marcel entschieden, die zuletzt "Saving Mr. Banks" adaptiert hatte.

Da vor allem Christian Grey im Buch als übermenschlich attraktiv beschrieben wird, war die Frage entscheidend, wer die beiden Lack-und-Leder-Liebenden spielen würde. Diverse Schauspielstars sagten ab, wohl auch ein Zeichen dafür, wie misstrauisch Hollywood der neu entdeckten Lust an der Erotik im Kino gegenübersteht. Im letzten Moment warf auch "Sons of Anarchy"-Hauptdarsteller Charlie Hunnam das Handtuch.

Nun stellt der "The Fall"-Serienstar Jamie Dornan den berühmten Milliardär mit den speziellen Vorlieben dar. Anastasia Steele wird gespielt von Hollywoodsprössling Dakota Johnson, der Tochter von Melanie Griffith und Don Johnson. Instant-Ruhm ist den beiden sicher.Wie "Die Schöne und das Biest"Die Liebesgeschichte holt das Motiv "Die Schöne und das Biest" aus der Mottenkiste, von hilfsbedürftiger Weiblichkeit und wirtschaftlich potentem, sexuell attraktiv-gefährlichem, psychisch angeknackstem Märchenprinzen. Christian Grey ist ein durch eine gewaltsame Kindheit beziehungsgeschädigter Mann, ein Stalker, ein Kontrollfreak, der Befehle gibt und erstaunt ist, wenn Anastasia sich ihm widersetzt. Manchmal lässt sie sich auf seine Vorschläge ein, soweit sie ihr Orgasmen bescheren, und dann wieder beharrt sie auf ihrem eigenen Tempo.

Dass schon die Buchvorlage ein falsches Bild von Sadomasochismus demonstriert, ist hinlänglich diskutiert, der Film geht damit vergleichsweise gut um: Anastasia ist zwar naiv, aber zugleich ironiebegabt. Umso deutlicher wird, wie sehr Christian Grey die Fähigkeit fehlt, über sich selbst zu lachen.

Um die Zuschauerzahlen zu maximieren, gibt es zwar viel nackte Haut und natürlich Sex, aber nichts davon ist pornografisch. Positiv überrascht vor allem Dakota Johnson: In der ersten halben Stunde des Films, den Szenen des ersten Kennenlernens, herrscht zwischen ihr und Jamie Dornan eine gewinnende Verspieltheit, die weit über die holprige Vorlage hinausgeht.

Regisseurin Sam Taylor-Johnson setzt die schwärmerische Sprache aus dem Buch in kühle Bilder um, mit vielen Nahaufnahmen, die Sinnlichkeit vermitteln sollen. Woran es wirklich hakt, ist die fehlende Erotik zwischen Dornan und Johnson: So lasziv kann sie ihre Brustwarzen gar nicht der Reitgerte entgegenräkeln, dass der streberhafte Geschäftsmann auch nur ansatzweise glaubwürdig erregt wirkt.Zwei Fortsetzungen geplantMit zwei bereits geplanten Fortsetzungen wird es noch länger dauern, bis die "Fifty Shades"-Welle abgeklungen ist. Vor allem macht die Aufregung um den Film aber ein Defizit des Gegenwartskinos deutlich: wie sehr Hollywood den Erotikfilm vernachlässigt hat.

Es ist rund ein Vierteljahrhundert her, dass erfolgreiche Filme wie "Basic Instinct" (1990), "Sex, Lügen und Video" (1989) oder "Eine verhängnisvolle Affäre" (1987) in großem Stil erotische Fantasien anregten. Wer Lust auf Leinwandlust hatte, wurde in den letzten Jahren nur im Independentkino fündig, etwa bei "Secretary" (2002), der ein Beispiel dafür ist, wie eine beglückende sadomasochistische Beziehung aussehen kann. Abdellatif Kechiches "Blau ist eine warme Farbe" und auch Lars von Triers "Nymphomaniac" sind weitere Beispiele, die nie das große Publikum erreichten. Hardcoreporno, in dem es lediglich um männliche Befriedigung geht, ist für junges Publikum durch Onlineplattformen heute einfacher zu finden als ein anregender erotischer Film. Vielleicht hat dieser "Fifty Shades"-Hype also doch einen positiven Nebeneffekt: endlich wieder Sex im Kino, bei dem auch weibliche Lust eine Rolle spielt.

"Fifty Shades of Grey". Drama. Regie: Sam Taylor-Johnson. Mit Jamie Dornan, Dakota Johnson u. a.

(SN)

"Fifty Shades of Grey": Was ist das Geheimnis dieser Lippen? SN/upi
Die Studentin Anastasia Steele (Dakota Johnson) ist nicht so naiv wie man glauben würde.
"Fifty Shades of Grey": Was ist das Geheimnis dieser Lippen? SN/upi
Die Studentin Anastasia Steele (Dakota Johnson) ist nicht so naiv wie man glauben würde.

Aufgerufen am 24.02.2018 um 03:28 auf https://www.sn.at/kultur/film-tv/fifty-shades-of-grey-was-ist-das-geheimnis-dieser-lippen-2746327

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