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"Whiplash": Trommeln und Prügeln

Oscarhoffnung "Whiplash" ist ein Hybrid zwischen Musik- und Kriegsfilm.

Er bellt die Befehle in brutalem Stakkato: "Schneller! Nicht so schnell! Du verschleppst! Nicht hetzen!": Der erbarmungslose Jazzlehrer Terence Fletcher (J. K. Simmons) ist das wutglühende Zentrum von "Whiplash", ein Folterknecht, der seine Zöglinge schindet und der dennoch im Ruf steht, der beste Lehrer des (fiktiven) Shaffer Conservatory zu sein. Als er eines Abends den 19-jährigen Drummer Andrew Neiman (Miles Teller) ertappt, wie der spätabends noch auf Schulequipment übt, schreit er ihn zusammen - und lädt den Studenten trotzdem ein, in seine Stunde zu kommen. Andrew glüht vor Erwartung: Hat da einer sein Talent entdeckt? Tatsächlich ist Fletcher freundlich, hebt ihn vor den anderen hervor, macht ihn vom Umblättersklaven zum ersten Drummer und damit zum verhassten Konkurrenten seiner Kollegen. Nur um ihn danach konsequent zu erniedrigen.

In "Whiplash" ist Jazz Krieg, und die Percussion ein Gemetzel: Neiman holt sich blutige Hände, weil Fletcher ihn wieder und wieder dieselbe Stelle des Jazzstandards "Caravan" üben lässt. Doch Neiman ist womöglich noch fanatischer als sein Lehrer, und verbeißt sich in die Idee, eines Tages so trommeln zu können wie sein Vorbild Buddy Rich. Dafür vernachlässigt er Familie, Freundschaften und die niedliche Popcornverkäuferin Nicole (Melissa Benoist).

Erstlingsregisseur Damien Chazelle erntete für den Film fünf Oscarnominierungen. Gelungen ist ihm ein mitreißendes Stück Kino, womöglich näher an Boxdramen wie "Rocky" oder Schinderballett wie "Black Swan" als am Musikfilmen und durchaus zwiespältig. Dass nämlich der Niedergang des Jazz eventuell damit zu tun hat, dass sich privilegierte weiße Musiker das schwarze subversive Musikgenre angeeignet haben, ignoriert der Film. Infrage stellt "Whiplash" zwar die Methoden des Lehrers, nicht aber seine Behauptungen. Und ganz sicher ist es am Ende nicht, ob Fletcher recht hat und erst unter Erniedrigung und Folter die ganz großen Talente zum Erblühen gezwungen werden.

Kino: Whiplash. Musikfilm, USA 2013. Regie: Damien Chazelle. Mit Miles Teller, J. K. Simmons, Melissa Benoist, Paul Reiser. Start: 20. 2.

(SN)

Aufgerufen am 19.06.2018 um 04:30 auf https://www.sn.at/kultur/film-tv/whiplash-trommeln-und-pruegeln-2727970

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