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Xavier Dolan: "Ich liebe es, wenn Frauen gewinnen"

Nach dem Thriller "Sag nicht, wer du bist" hat Cannes-Sieger Xavier Dolan nun einen liebevollen Film gedreht - "Mommy".



Fünf Filme in fünf Jahren, dann beinahe ein Burn-out: Für das Kino beutet sich der erst 25-jährige Kanadier Xavier Dolan ("Sag nicht, wer du bist!") gnadenlos aus. Mit "Mommy" legt er einen der zärtlichsten, wildesten Filme des Jahres vor, eine Liebesgeschichte zwischen einer alleinerziehenden Mutter, ihrem hyperaktiven Sohn und der traumatisierten Nachbarin. In Cannes bekam er den Jurypreis.

SN: In Ihren Filmen geht es oft um Mutter-Sohn-Beziehungen. Hat sich Ihre Sicht auf dieses Verhältnis geändert?

Dolan: In meinem Debüt "I killed my mother" hasst ein Sohn seine Mutter. In "Laurence Anyways" lehnt eine Mutter ihre Tochter ab, die sie als Sohn betrachtet. Aber hier, in "Mommy", hasst niemand irgendwen. Die Gesellschaft will Mutter und Sohn nicht erlauben, einander so zu lieben, wie sie es wollen. Sie kommen aus einer Schicht, in deren Genen die Armut fest verankert scheint, sie sind seit Generationen "White Trash". So etwas braucht gewaltigen Mut, und die Mutter besitzt zwar den Mut einer Löwin, aber ihr Sohn ist krank. Die beiden lieben einander so sehr, aber es ist, als wären sie verflucht: Sie ist wie ein Teenager, und er ist diese Atombombe, die kurz vor der Detonation steht. Das ist eine völlig andere Geschichte als bisher.

SN: Warum ist der Vater in Ihren Filmen abwesend?

Es gibt so viele Geschichten über Väter im Kino. Frauen haben im Film längst verdient, im Mittelpunkt zu stehen, vor allem weibliche Figuren mit echten Anliegen und glaubwürdigen Persönlichkeiten, nicht nur Frauen, die durch ihre Beziehung zu einem Mann definiert sind, als Opfer, Stripperin, dummes Blondchen oder Freundin. Diese Klischees gehen mir gewaltig auf die Nerven, und ich versuche, etwas anderes zu machen. Ich liebe es, Frauen gewinnen zu sehen.

SN: Dieser Film hat ein ungewöhnliches Bildformat, nämlich das Quadrat.
Was hat das verändert?

Alles! Ich wollte die Figuren so zeigen, wie die Zuschauer ihnen in die Augen schauen und den Rest vergessen. Für Nahaufnahmen ist 1:1 das ideale Verhältnis, wie bei alten Porträtfotos. Bei Aufnahmen aus größerer Distanz verändert das Format die Arbeit sehr, wir mussten an engen Orten drehen. Aber die Filmfiguren leben in keinen Schlössern.

SN: Wenn Sie diese vielen Filme in so kurzer Zeit miteinander vergleichen, wie, finden Sie, haben Sie selbst sich verändert?

Ich versuche, meine Fehler nicht zu wiederholen. Ich habe verstanden, dass jeder Film seinen eigenen Stil verlangt. Ich distanziere mich heute vom rein intellektuellen Filmemachen, ich habe verstanden, dass das Herz der Schlüssel ist.

Und ich verachte das kommerzielle Kino nicht mehr so wie früher. Ich habe versucht, diese kindischen, altklugen Vorurteile und diesen Snobismus abzulegen. Ja, und am meisten hat sich verändert, wie Menschen sich mir gegenüber verhalten.

SN: Wie meinen Sie das?

Als ich ein Teenager war, merkte ich bei Theaterpremieren, dass sich die Leute dachten: "Was will dieses Kind da, der nervt doch!" Und genau diese Leute fragen mich heute, ob ich einen Job für sie habe, und sind sehr nett zu mir. Klar, sie hatten jedes Recht, sich zu fragen, wer dieser lästige Junge ist, der allen erzählt hat: "Eines Tages werde ich in Cannes sein!" Ich bin niemandem böse. Aber ich kann an einer Hand die Menschen abzählen, bei denen ich sicher weiß, dass sie aus dem richtigen Grund in meinem Leben sind. Und das ist eigentlich hart.

Mommy. Drama, Kanada 2014. Regie: Xavier Dolan. Mit Anne Dorval, Antoine Olivier Pilon, Suzanne Clément, Alexandre Goyette. Start: 12. 12.

(SN)

Aufgerufen am 22.05.2018 um 05:56 auf https://www.sn.at/kultur/film-tv/xavier-dolan-ich-liebe-es-wenn-frauen-gewinnen-2917609

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