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"Zwei Tage, eine Nacht" im Kino: Die Frau in der Krise

Marion Cotillard muss um ihren Job kämpfen: "Zwei Tage, eine Nacht" ist Kino aus dem Herzen der Wirtschaftskrise. Die Oscarpreisträgerin im SN-Interview.

Als Edith Piaf in "La vie en rose" bekam sie einen Oscar, nun verkörpert Marion Cotillard eine Frau aus dem Heer der Krisenverlierer: In "Zwei Tage, eine Nacht" inszenieren die Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne eine drastische Versuchsanordnung zum Thema menschliche Solidarität. Cotillard spielt eine Frau, die nach langer Depression in den Job zurückkehrt und erfährt, ihre Stelle sei gestrichen - außer sie kann ihre Kollegen überzeugen, auf ihren Bonus zu verzichten. "Im Alltag vergessen wir gern auf Solidarität", sagt Cotillard - und spricht im Interview über Depression und die finstere Seite des Kapitalismus. Bei der Viennale feierte der Film bereits Premiere, ab Freitag läuft er im Kino.

SN: In "Zwei Tage, eine Nacht" erlebt eine Frau unmittelbar die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Spüren Sie die Krise auch in Ihrer Umgebung?
Cotillard: Klar, ich lebe auch in dieser Welt, um mich herum sind Menschen betroffen. Diese Krise ist inzwischen ein Teil unserer Gesellschaft. Es ist doch paradox: Wir halten uns für den Mittelpunkt der Welt. Aber wenn es um die Wirtschaft geht, stellen wir nicht den Menschen ins Zentrum, sondern den Profit. Das wirft doch die Frage auf, ob es nicht andere Gesellschaftsformen gibt, nicht wahr? Wir fragen uns ununterbrochen, was unser Platz in der Welt ist, ob wir nützlich sind. In anderen Kulturkreisen wissen die Menschen, dass sie richtig sind, so, wie sie sind.

SN: Der Film handelt von Menschen, die vor einer sehr moralischen Entscheidung stehen: Entscheiden sie sich für das eigene Geld oder den Arbeitsplatz ihrer Kollegin?
Ja, das stellt unsere Fähigkeit zur Solidarität infrage. Wir sind immer dann solidarisch, wenn eine große Krise uns alle bedroht. Aber im Alltag vergessen wir manchmal auf die anderen, weil das eigene Leben so mühevoll ist: Die Kinder wollen essen, werden krank, manche Leute brauchen zwei Jobs, um über die Runden zu kommen. Der Alltag ist hart, und nicht alle haben da noch die Energie, an andere zu denken.

SN: Sie sind heute eine der meistbeschäftigten Schauspielerinnen Frankreichs. Aber kannten Sie früher die Sorge, woher das Geld für die nächste Miete kommen soll?
Ja, wobei ich meine damalige Situation nicht vergleichen kann mit der einer Mutter, die darum kämpft, ihren Kindern Essen auf den Tisch stellen zu können. Ich habe zwar um Rollen gekämpft, aber bei mir ging es nie annähernd so sehr ums Überleben wie in diesem Film.

SN: Haben Sie in der Rolle der Sandra etwas über sich gelernt?
In gewisser Weise schon. Sandra ist depressiv, und das hat mir geholfen, ein wenig zu verstehen, was es bedeutet, wenn man aufgrund dieser Krankheit zu nichts imstande ist. Zuvor hatte ich das nicht richtig kapiert. Ist es wirklich so schwer, sich zusammenzureißen, aus dem Bett aufzustehen und Dinge zu erledigen? Inzwischen weiß ich: Ja, das ist es. Wir tendieren dazu, über Menschen mit Depression oft hart zu urteilen. Wer das nie selbst erlebt hat, kann nicht wissen, wie es ist.

SN: Wie haben Sie recherchiert, haben Sie mit Betroffenen oder Ärzten gesprochen?
Nein, ein Stück weit habe ich das selbst erlebt, zwar nicht heftig, aber doch genug, um zu verstehen, dass es manchmal einfach zu viel verlangt ist, zu kämpfen. Das Einzige, was ich für diese Rolle jetzt gemacht habe, war, die Xanax-Nebenwirkungen zu lesen. Ich selbst nehme nie Medikamente, ich bleibe allen Arten von Chemikalien so fern wie möglich. Aber ich musste doch wissen, was Xanax mit einem anstellt und was die Wirkungen und Nebenwirkungen sind.

SN: Trotz ihrer Erschöpfung ist Sandra imstande, zu ihren Kollegen zu gehen und um ihre Solidarität zu bitten. Woher nimmt sie ihre Kraft?
Als wir ihr begegnen, hat sie eine schwere Depression überwunden. Und sie tut alles, um nicht wieder in dieses schwarze Loch zu fallen. Für mich kommt ihre Energie auch aus dem Bewusstsein, wie sehr die Krankheit ihre Kinder beeinträchtigt hat, und sie will nicht, dass die Kinder das noch einmal erleben. Diese Sorge bewahrt sie vor dem Schlimmsten.

SN: Denken Sie, der Film geht gut aus?
Ja, absolut. Sie hat am Ende mehr gewonnen, als sie erwartet hatte: nämlich Würde.

Zwei Tage, eine Nacht. Drama, Belgien, Frankreich, Italien 2014. Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne. Mit Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne. Start: 31. 10.

(SN)

Aufgerufen am 25.06.2018 um 02:29 auf https://www.sn.at/kultur/film-tv/zwei-tage-eine-nacht-im-kino-die-frau-in-der-krise-3053575

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