Kultur

Aus einem Krimi wird ein neues, altes Bild

Aus ein paar Fundstücken wurde ein verschollenes Gemälde von Rene Magritte gebastelt: Die Geschichte einer kriminalistischen Spurensuche in der Kunstwelt.

 SN/APA/AFP/EMMANUEL DUNAND

Groß war das Staunen im New Yorker Museum of Modern Art, als sich die Teile plötzlich zusammenfügten.

Man sah ein neues Bild, versteckt unter einem anderen. Bei Röntgenuntersuchungen des Gemäldes "The Por trait" von René Magritte tauchten die ersten Spuren auf.

Techniken wie ultraviolette Bestrahlung, Infrarot oder Röntgenstrahlen leisten in der Entschlüsselung von Kunstwerken lange schon unschätzbare Dienste.

Das gilt allerdings nicht nur für alte Meister, sondern auch für große Namen der Neuzeit wie etwa Rene Magritte, einen der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

So gab die Röntgenuntersuchung des Bildes "The Portrait" ein darunterliegendes Gemälde frei. Als "Riesenentdeckung" beschreibt Michael Duffy, Konservator im MoMa, den Moment, als klar war, dass man hinter den bekannten Magritte noch etwas anderes gefunden hatte.

Farbige Ränder machten stutzig

Stutzig waren die Experten im MoMa geworden, als das Gemälde aus seinem Rahmen genommen worden war. Üblicherweise sind die unter dem Rahmen verschwindenden Ränder bei Magrittes Bilder weiß. Bei "The Portrait" war es anders.

Die Ränder waren blau und ockerfarben. Das konnte nichts anderes bedeuten, als dass es etwas geben musste, über das Magritte malte. Das ist ein Wohlgeruch für die Spürnasen der Kunstwelt.

So beginnen kriminalistische Ermittlungen zu einem Geheimnis. Zwar wusste man, das Magritte auch immer wieder Bilder übermalt hatte, doch dieses eine Bild - das schon seit 1956 im MoMa ist - wurde nie genauer untersucht.

Weltweite Suche Puzzleteilen

Eine erste UV-Analyse ergab, dass sich unter dem sichtbaren Gemälde Striche und Farben befanden, die nicht zu dem Motiv von "The Portrait, einem gedeckten Tisch mit Weinflasche, Glas Besteck und Teller, passen konnte. Cindy Albertson, MoMa-Konservatorin erkannte "ungewöhnliche Erscheinungen".

Und plötzlich hatten die Experten viele Fragen, denn warum sollte Magritte über ein offensichtlich schon fertiges Gemläde malen? Im Lauf weiterer Untersuchungen habe Albertson dann einen Heureka-Effekt gehabt: Sie erkannte, dass man einem lange verschollenen Gemälde des Meister auf der Spur war: dem Bild "La Pose enchantée" (Die erfreute Haltung).

Vier Jahre nach dieser Entdeckung gibt es nun eine virtuelle Gesamtversion des Bildes. 50 Jahre nach dem Tod des belgischen Surrealisten haben Brüsseler Kunstexperten den letzten Teil des Gemäldes aufgespürt und eingefügt.

Magritte hatte das Werk selbst zerstört

Klar war: Magritte, einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts, hat dieses Bild einst selbst zerstückelt. Warum? Das ist auch Brad Epley ein Rätsel, der als Chefkonservator am MoMa einst bei der Entdeckung des ersten Teils dabei war.

Vielleicht habe Magritte das Gemälde wegen "finanzieller Probleme" geopfert, sagt Michel Draguet von den Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel am Dienstag bei der Präsentation der virtuellen Rekonstruktion.

In Magrittes Werkkatalog ist das Gemälde, es zeigt die gespiegelte Abbildung einer nackten Frau, jedenfalls aufgeführt.

Das kriminalistische Puzzle um das Bild beginnt 1927. Damals war es in der Brüsseler Galerie L'Epoque zu sehen - der einzige "öffentliche" Auftritt der nackten Frau. Der Schriftsteller Paul Nougé erwähnte das Werk sogar lobend in einem Brief.

Als letzte Spur gibt es auch ein Schreiben von 1932, in dem Magritte gebeten wird, das Bild in den Königlichen Museen der Schönen Künste abzuholen. Das lässt vermuten, dass es nicht für eine geplante Ausstellung ausgesucht worden war. Als weiteren Anhaltspunkt gibt es ein Schwarz-Weiß-Foto aus der Entstehungszeit des Werkes.

Wo war der Rest?

"Wir fragten uns schnell: Was passierte mit den anderen Teilen", sagte Michael Duffy vom MoMa nach der ersten Entdeckung vor vier Jahren. Man begann Gemälde zu durchleuchten, die etwa zur gleichen Zeit wie "The Portrait" entstanden waren und die etwa dasselbe Format wie dieses Bild hatten.

Es wurde eine weltweite Suche, die im Museum für Moderne Kunst in Stockholm (unter dem Bild "The Red Model") und im britischen Norwich Castle erfolgreich war. In der Sammlung der Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel wurde unter dem Bild "Dieu n'est pas un saint" (Gott ist kein Heiliger) der fehlende Puzzleteil gefunden. Von Magritte ist 50 Jahre nach seinem Tod noch einmal etwas ganz neu zu sehen.

Aufgerufen am 26.09.2018 um 09:20 auf https://www.sn.at/kultur/gemaelde-von-rene-magritte-aus-einem-krimi-wird-ein-neues-altes-bild-20531521

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