Kultur

Glavinics "Mugshots" im Volx: Die Welt klopft beim Bobo an

Durch einen One-Night-Stand sieht sich ein Wiener "Naschmarkt-Bobo" unverhofft mit einem ihm weitgehend fremden Ausschnitt der Welt konfrontiert. Das führt in Thomas Glavinics Theaterdebüt dazu, dass sich sein Protagonist bald selbst kaum mehr erkennt. Eine Entfremdung, der man sich bei der Uraufführung von "Mugshots" am Freitagabend im Volx/Margareten nur schwer entziehen konnte.

Unter einem "Mugshot" versteht man jene Bilder, die kurz nach der Inhaftierung auf US-Polizeistationen gemacht werden. Sie zeigen also Menschen an Tagen, die nicht ihre besten sind. Einen solchen durchlebt auch der junge weltoffene Werbefachmann Christoph (Christoph Rothenbuchner) als er am Tag nach einem alkoholgetränkten Absturz in seiner mondänen Wohnung erwacht. Mit seinem höllischen Kater ist er nämlich nicht alleine, denn da ist noch die attraktive Anastasia (Nadine Quittner), an die sich Christoph wiederum nicht erinnern kann.

Soweit der Ausgangspunkt des ersten Theaterstücks des Schriftstellers Glavinic, der nach Unstimmigkeiten um das Regiekonzept selbst die Inszenierung des Stücks übernahm. Ursprünglich war der Start eigentlich schon für April geplant. In der Volkstheater-Spielstätte in Wien-Margareten kam das Kammerspiel um ein "Blackout" und dessen weitreichenden Folgen nun auf die von Hans Kudlich gestaltete Bühne.

Anastasia und Christoph stehen sich in dem angedeuteten urban-trendigen Wohnzimmer gegenüber. Letzterem wird schnell klar, dass sein vermeintlicher One-Night-Stand wohl nicht so schnell wieder das Weite suchen wird. Das liegt daran, dass er Anastasia ihrem Zuhälter mit dem Gelöbnis entrissen hat, sie von ihrem Dasein als Prostituierte zu "befreien". Blöd nur, dass sich der Möchtegern-Retter an seine edle samstägliche Mission tags darauf eben nicht mehr erinnern kann.

Einfach davonstehlen kann er sich davon jedoch auch nicht, ist es ihm doch wichtig, "nicht wie die anderen Männer zu sein", wie er immer wieder betont. Die von ihrem Zuhälter zur Prostitution gezwungene Anastasia zeigt dem betont klischeehaft gezeichneten, von Rothenbuchner stimmig verkörperten, snobistisch-alternativen "Gutmenschen" eine Welt, die er sich eigentlich gerne etwas weiter vom eigenen Leib gehalten hätte. Mit gut gemeinten Stehsätzen lässt sich die intelligente, in Quittners Darstellung schlüssig zwischen Abgeklärtheit und Verzweiflung pendelnde Prostituierte nicht abschütteln.

Die erzwungene Auseinandersetzung mit Anastasia wird für den Bobo schnell zum Prüfstein für die eigenen, betont liberalen Standpunkte. Christoph der sonst eigentlich nur seiner Lieblingssalami am Naschmarkt nachläuft, sieht sich plötzlich auf ganz anderen Existenzebenen gefordert. Anastasia kommt schnell der Verdacht, dass er seine Ansagen der vergangenen Nacht nicht vollends erfüllen wird können. Auf beide drückt die Furcht vor dem Zugriff des gefährlichen Zuhälters Joe.

Glavinic und das Ensemble verhandeln so recht eindrücklich, wie schnell ein Selbst- und Weltbild mit vermeintlich starkem Fundament zu bröckeln beginnen kann. Das enge Setting verstärkt die Wirkung des zwischen Aufbruchsstimmung und Angst angesiedelten Schauspiels, das vom Premierenpublikum mit viel Applaus bedacht wurde.

SERVICE: "Mugshots" von Thomas Glavinic im Volx/Margareten, Margaretenstraße 166, 1050 Wien. Regie: Thomas Glavinic, Co-Regie/Kostüme: Paul Spittler, Bühne: Hans Kudlich, Dramaturgie: Mona Schwitzer. Mit: Christoph Rothenbuchner (Christoph) und Nadine Quittner (Anastasia). Weitere Aufführungen am 20., 21. Dezember sowie 12. und 13. Jänner 2017. http://go.apa.at/lMYIKjM1

Quelle: APA

Aufgerufen am 13.11.2018 um 09:17 auf https://www.sn.at/kultur/glavinics-mugshots-im-volx-die-welt-klopft-beim-bobo-an-600316

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