Kultur

Heitere Filme erobern die 67. Berlinale

Vielleicht hält es die diesjährige Berlinale mit einer Aussage des Quatsch Comedy Clubs: "Je weniger es zu lachen gibt, umso mehr muss man es tun." In weniger bedrohlich empfundenen Zeiten war der Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele aufgeladen mit politisch brisanten Filmen. Diesmal, so scheint es zur Halbzeit, darf öfter auch gelacht werden.

Regisseur Josef Hader mit dem Filmteam von "Wilde Maus".  SN/APA (dpa)/Britta Pedersen
Regisseur Josef Hader mit dem Filmteam von "Wilde Maus".

Das liegt nicht nur an Josef Haders Komödie "Wilde Maus", auch der in Schwarz-Weiß gehaltene britische Film "The Party" ist eine düstere Komödie mit viel Zynismus und Wortwitz, wie man es aus diesem Land kennt. Schlimmste Wahrheiten schälen sich Stück für Stück heraus, wie in einem Theaterstück von Priestley. Dass sich das Publikum an den Verstrickungen einer Handvoll Londoner Linksintellektueller, die während einer Einladung ans Tageslicht kommen, genussvoll delektiert, liegt auch an einer Reihe bekannter Schauspielernamen: Bruno Ganz, Kristin Scott Thomas oder Timothy Spall.

Im ungarischen Beitrag "On Body and Soul" wird ebenfalls gelacht: In einem Schlachtbetrieb verlieben sich eine junge pedantische Qualitätskontrolleurin und ein wesentlich älterer Abteilungsleiter ineinander, schon allein, weil sie allnächtlich dieselben Träume haben. Ihre Annäherung ist langsam, verschreckt und doch immer wieder komisch. Im Roadmovie "Helle Nächte" des deutschen Regisseur Thomas Arslan geht es ebenso um Annäherung, diesmal zwischen Vater und Sohn während einer Norwegenfahrt, und auch da ist das Ende hoffnungsvoll.

Selbst der feministische Ökokrimi "Pokot" aus Polen hat, wenn schon kein Happy End, so doch einen unbeschwerten, wiewohl höchst unerwarteten Ausgang: Im polnisch-tschechischen Grenzgebiet lebt die pensionierte Brückenbauingenieurin Duszejko wie ein Fremdkörper in der von illegaler Jagd und Alltagskorruption geprägten Gesellschaft. Als sich die Todesfälle im Dorf häufen, stellt sich die Frage, ob Tiere sich rächen, ob sie morden können.

Jede Handlung hat auch bei vordergründiger Leichtigkeit einen doppelten Boden, nimmt indirekt Bezug auf gegenwärtige Probleme. So etwa in der mit feiner Ironie inszenierten Flüchtlingsgeschichte "Die andere Seite der Hoffnung" des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki. Und in fast der Hälfte der Streifen taucht das Thema Jobverlust auf.

Selbst der japanische Streifen "Mr. Long" endet dennoch tröstlich: Ein Berufskiller wird zum Gastronomiegeheimtipp, dessen Suppenküche imstande ist, in kürzester Zeit sogar eine junge Schönheit von ihrer Drogensucht zu befreien. Deshalb schon sollte der Film als Parabel gesehen werden - und aufgrund der in asiatischen Streifen nicht unüblichen, zelebrierten Gewaltszenen, wo Bilder tropfenden Bluts Großaufnahmen vom Gemüseschneiden folgen.

In zwei Filmen stehen starke Frauen im Mittelpunkt: "Felicite" ist eine Frau im Kongo, die erhobenen Hauptes durchs Leben geht und wie eine Löwin kämpft. In erster Linie darum, Geld für eine Operation ihres verunglückten Sohnes zusammen zu bekommen. Dafür singt sie sich in einer Bar die Seele aus dem Leib. Ein Ausschnitt Afrikas: Traurig, trist, gleichzeitig trotzig.

"Una Mujer Fantastica" ist eine besondere Frau, eine junge Transsexuelle in Chile, in deren Gegenwart ihr älterer Freund stirbt. Frau und Familie des Opfers verwehren ihr jede Teilnahme am Trauern, nehmen ihr alle gemeinsamen Erinnerungsstücke. Es ist eine zweischneidige Botschaft über eine unbarmherzige Gesellschaft. Dennoch ist ein eigenwilliger, eindringlicher Film gelungen.

Trotz hochkarätiger Besetzung nicht überzeugen konnte der einzige US-amerikanische Beitrag im Wettbewerb, "The Dinner". Der israelisch-amerikanische Regisseur Oren Moverman konfrontiert bei einem Abendessen zwei Paare mit der Tatsache, dass ihre Kinder ein monströses Verbrechen begangen haben. Das Ensemble um Richard Gere, Laura Linney, Steve Coogan und Rebecca Hall brilliert im kammerspielartigen Kräftezerren um das moralisch richtige Vorgehen, jedoch verliert sich der Film in allzu vielen Handlungssträngen, Wendungen und teils platten Rückblenden.

Die deutsche Dokumentation "Beuys" von Andres Veiel schließlich schafft in abwechslungsreicher Montage von Material über den Künstler Joseph Beuys eine Erkenntnis: Der berühmte Selbstdarsteller mit dem Hut, Mitgründer der Grünen, Aufreger im Nachkriegsdeutschland, war seiner Zeit voraus: In seiner Kapitalismus- und Systemkritik und in seinem radikalen Bekenntnis zur Kultur als zentralem Element einer Gesellschaft.

Quelle: APA

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