Kultur

Ibrahim Amir nimmt sich Auszeit fürs Schreiben

Er könnte als Paradebeispiel für gelungene Integration dienen, und doch leistet sich Ibrahim Amir den Luxus, mehr zu wollen als eine gesicherte Existenz und berufliche Anerkennung. Künstlerischen Erfolg nämlich. Der 33-jährige syrische Kurde hat in Wien Medizin studiert. Nun ist er ausgebildeter Allgemeinmediziner - und nimmt sich eine Auszeit, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können.

Amir hat in Wien Medizin studiert SN/APA (Archiv)/GEORG HOCHMUTH
Amir hat in Wien Medizin studiert

Seit "Habe die Ehre", seiner 2013 uraufgeführten und mit einem Nestroy-Preis ausgezeichneten "Ehrenmordkomödie", hat sich Amir zum Spezialisten entwickelt, schwierige aktuelle politische Fragen in kontroversielle Stücke zu verpacken, in denen mit auf die Spitze getriebenen Klischees derart ungeniert Scherz getrieben wird, dass den Vertretern der Political Correctness die Haare zu Berge stehen. Nach der Frage der Familienehre wandte sich der Autor dem Dschihadismus junger Männer ("Stirb, bevor du stirbst", 2015) und der Entwicklung reaktionärer und schwulenfeindlicher Gesinnung früherer Geflüchteter ("Homohalal", 2017) an. Letzteres war dem Volkstheater zu heiß. In dem "stark von Angst und Hass geprägten öffentlichen Diskurs über Geflüchtete" wolle man nicht Öl ins Feuer gießen, begründete das Theater damals die kurzfristige Absage der Uraufführung.

"Homohalal" wurde mittlerweile am Dresdner Staatsschauspiel erfolgreich uraufgeführt, nachdem der Autor weitere zehn Monate daran gearbeitet hatte. Am 18. Jänner folgt nun die Österreichische Erstaufführung durch Ali M. Abdullah im Werk X. "Sie haben von mir die unfertige damalige Wiener Fassung und die fertige Dresdner Fassung bekommen. Ich bin gespannt, was sie daraus machen", sagt Amir im APA-Gespräch. "Man muss ja auch die aktuelle politische Situation einbringen, die sich seither verändert hat. Ich bin immer dafür, dass meine Stücke angepasst werden."

Auch von "Heimwärts", einem Auftragsstück für das Schauspiel Köln, wird es zwei Fassungen geben: Die Fassung der Kölner Uraufführung, die Stefan Bachmann Anfang Dezember herausbrachte, und die Wiener Fassung, die von der jungen deutsch-türkischen Regisseurin Pinar Karabulut am 5. Jänner im Volx/Margareten, der Nebenspielstätte des Volkstheaters, herausgebracht wird.

"Es fängt an wie ein bizarrer Witz: 'Ein Kurde, eine österreichische Transe und ihr Freund, ein Türke, laufen mit der Leiche eines österreichisch-syrischen Kurden durch die Gegend.'", schrieb die "NZZ" in ihrer Uraufführungskritik. Doch so abenteuerlich und absurd der Plot von "Heimwärts" wirkt, der ein Quartett auf seinem Road-Trip durch Europa im türkischen Edirne stranden lässt: Erfunden ist an der Geschichte nicht viel. "Mein Onkel, der 43 Jahre hier gelebt hat, wollte zurück in seine alte Heimat nach Aleppo, um dort zu sterben. Das war seine letzte Bitte. Mein Bruder hat ihn dabei begleitet. Der Onkel ist unterwegs gestorben, aber es ist gelungen, seine Leiche nach Syrien zu schmuggeln. Er wurde in seinem Dorf neben seinen Eltern begraben, wie es sein Wunsch war."

Was Ibrahim Amir seinem Stück hinzugefügt hat, ist eine brisante neue Komponente: Die Durchreisenden werden genau in jenem Moment festgehalten, als der Militärputsch in der Türkei vorübergehend ein Machtvakuum schafft, dessen Ausgang höchst ungewiss ist. Vor allem stehe aber der Heimatbegriff im Mittelpunkt des Stücks, sagt der Autor, dessen vier Geschwister mittlerweile alle in Wien leben: "Dieser Begriff wird ja oft missbraucht."

Das nächste Stück, das er im Auftrag des Volkstheaters schreibt, behandelt die Frage nach der Identität: "Es geht um einen Burschen, der von hier nach Nordsyrien geht, um dort mit den Kurden gegen den IS zu kämpfen. Unterwegs trifft er einen jungen Kurden, der gerade von der Front flüchten will. Sie schließen einen Tauschhandel: Lebenswichtige Informationen über das Kampfgebiet gegen eine Identität, die ein Durchkommen und Überleben in Europa ermöglicht."

Das Stück mit dem Arbeitstitel "Ein deutscher Junge" soll in der kommenden Saison uraufgeführt werden. "Am Theater läuft es nicht schlecht. Ich kann mich und meine Familie versorgen", meint Ibrahim Amir, der stolzer Vater eines einjährigen Sohnes ist. Die Arbeitsmarktlage für ausgebildete Ärzte sei bestens, wenn er wolle, könne er jederzeit wieder als Mediziner arbeiten. "Aber vorläufig möchte ich mich aufs Schreiben konzentrieren."

Quelle: APA

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