Kultur

"Ihre beste Stunde": Als Kino half, den Krieg zu überstehen

"Ihre beste Stunde" spielt in London 1940, zu jener Zeit, als das Motto "keep calm and carry on" erfunden worden ist.

Wenn Kino hilft, Kriege zu überstehen, wird das Filmemachen selbst zur erzählenswerten Angelegenheit: "Ihre beste Stunde" (ab Freitag im Kino) handelt von einer britischen Drehbuchautorin, deren Arbeit Leben rettet.

Es ist Frühsommer 1940, die Niederlage Frankreichs gegen Nazideutschland zeichnet sich ab und Winston Churchill hält eine Rede vor dem britischen Unterhaus, um die Widerstandskraft der Bevölkerung während der deutschen Sommeroffensive zu stärken: "This was their finest hour" ist der Titel dieser Rede, "Dies war ihre beste Stunde".

An die Widerstandskraft der Briten in dieser schweren Zeit soll sich die Nachwelt dereinst erinnern. Es ist jener Juni, in dem die Evakuierungsaktion Dynamo in letzter Minute Tausende britische Soldaten aus der von Deutschen eingekesselten nordfranzösischen Hafenstadt Dunkerque befreit. Und es ist jener Moment in der Geschichte, in der der englischen Filmwirtschaft besondere Bedeutung zukommt: Zahlreiche Filme werden mit Unterstützung des Informationsministeriums produziert, um die Moral des Publikums zu stärken und um wenigstens zwei Stunden lang eine Flucht vor dem entbehrungsreichen Kriegsalltag zu bieten.

Dieses Publikum ist, auf Grund der Abwesenheit der Soldaten, zu einem höheren Anteil als sonst weiblich, doch es findet sich in den Heldengeschichten auf der Leinwand kaum wieder.

Genau von dieser Situation handelt Lone Scherfigs Film "Ihre beste Stunde": Die junge Catrin (Gemma Arterton) bewirbt sich beim Informationsministerium als Werbetexterin. Schnell wird ihr Talent fürs Situationenschreiben erkannt, sie wird Teil eines Teams von Drehbuchautoren, deren Kinofilme Zuversicht, Patriotismus und Kampfgeist vermitteln sollen. Catrins Aufgabe ist es, dem Skript eine weibliche Note zu verleihen, denn es sind gerade die Frauen, die den Alltag in der Nation am Laufen halten.

"Ihre beste Stunde" erzählt von Selbstermächtigung in mehrfacher Hinsicht: Catrin sucht sich ihren Job gegen den Willen ihres Mannes, eines erfolglosen Künstlers. Sie wird - selbstverständlich schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen - mit offenen Armen als Autorin aufgenommen und empfindet sich selbst erstmals als erfolgreiche, autonome Frau. Und sie recherchiert für ihr Drehbuch eine reale Geschichte von zwei heldenhaften Schwestern, die im Zuge der Aktion Dynamo das Boot ihres Vaters über den Ärmelkanal nahmen, um gemeinsam Soldaten aus Dunkerque zu retten.

Gemeinsam mit ihrem hochnäsigen Kollegen Tom (Sam Claflin) soll Catrin daraus den nächsten Film von Alt-Star Ambrose Hilliard (Bill Nighy) entwickeln. Doch erwartungsgemäß kommt den beiden die Liebe dazwischen - mehr aber noch der Blitzkrieg gegen London, der an unerwarteter Stelle schwere Opfer fordert.

Die humorvolle Romanze, die sich zwischen Catrin und Tom entspinnt, ist nur der rote Faden, vor dem sich einerseits der Kriegshorror in der gerade noch so lebendigen Großstadt London, andererseits der bewundernswerte Einfallsreichtum der Filmleute vor den Augen des Publikums entfalten: Lone Scherfig, die zuletzt den schmalzigen Liebesfilm "Zwei an einem Tag" gedreht hat, ist ein scharfsinniger, vielschichtiger Film gelungen, der eine intime Liebeserklärung an das Kino ist und auch von seiner politischen Macht erzählt, mit einem luxuriösen britischen Schauspielensemble, von Jeremy Irons bis Eddie Marsan, und mit einer Crew, die von Drehbuch über Schnitt und Musik bis hin zur Produktion fast ausschließlich aus Frauen besteht. Auch das ist eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.

Film: Ihre beste Stunde. Drama, Großbritannien 2016. Regie: Lone Scherfig. Mit Gemma Arterton, Sam Claflin, Bill Nighy, Jake Lacy, Jack Huston, Eddie Marsan, Jeremy Irons.

Quelle: SN

Aufgerufen am 19.12.2018 um 12:15 auf https://www.sn.at/kultur/ihre-beste-stunde-als-kino-half-den-krieg-zu-ueberstehen-14809591

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