Kultur

"Innen Leben": Wie sich Krieg von innen anfühlt

Eine Familie, eine Wohnung, draußen der Krieg: "Innen Leben" ist ein erschütternder Blick in den syrischen Alltag.

Das Drama "Innen Leben" erzählt von 24 Stunden einer Familie in einer belagerten syrischen Stadt: Das Wasser geht aus, einzelne Familienmitglieder sind verloren gegangen, fremde Männer wollen in die Wohnung eindringen, vor dem Haus lauern Scharfschützen. Schauspielstar Hiam Abbas spielt die Mutter, die die zusammengewürfelte Familie zu beschützen versucht. Bei der Berlinale erhielt "Innen Leben" (Originaltitel: "Insyriated") den Publikumspreis. Im Interview erläutert der belgische Regisseur Philippe van Leeuw, warum sein Film dringend notwendig ist.Seit 2011 ist in Syrien Bürgerkrieg. Wann begannen Sie an dem Film zu arbeiten? Philippe van Leeuw: Im März 2013 hab ich mit dem Drehbuch begonnen. Eigentlich ist es schnell gegangen, bis der Film fertig war, aber bei einem so dringlichen Thema ist auch das zu lang. Wir wissen von der Härte, die die Leute in Syrien erdulden müssen, und wir wissen, dass nichts passiert um ihnen zu helfen - und wir erfahren im Westen viel zu wenig über die Situation der Zivilbevölkerung. Deswegen wollte ich diesen Film unbedingt machen: um der Gleichgültigkeit entgegenzuwirken, die uns lähmt.Vier Jahre sind schnell für einen Film, aber in Bezug auf die Weltpolitik eine unendlich lange Zeit - aber an der Situation von Zivilisten in Syrien hat sich seither nichts zum Positiven verändert, oder? Im Gegenteil, die Situation ist schlimmer als je zuvor, in Städten wie Homs oder Aleppo, oder Idlib und Rakkah, die im Grunde ausradiert wurden. Aleppo ist in Trümmern, und Homs ist verlassen, da ist nichts mehr. Als ich begonnen habe mit meinem Film, hat Homs noch Widerstand geleistet unter der Belagerung, die ewig gedauert hat. Die Leute haben Gras vom Straßenrand gegessen, weil es keine Nahrungsmittel gab, es ist fürchterlich.

Wenn Sie sagen, es gibt zu wenig Informationen - auf welcher Basis haben Sie Ihr Drehbuch entwickelt? Die Informationen, die wir aus Syrien kriegen, ist hauptsächlich aus den Kampfzonen, aber was das Leben der normalen Leute betrifft, haben wir kaum Bilder. Das sind aber die Menschen, die mich interessieren. Ich habe vor ein paar Jahren im Libanon als Kameramann gearbeitet, meine Assistentin war eine junge Syrerin. Im Dezember 2012 habe ich sie gefragt, wie es ihren Eltern und ihrer Verwandtschaft geht, und sie hat mir erzählt: "Mein Vater sitzt seit drei Wochen in seiner Wohnung fest, und wir haben kaum Kontakt. Wir wissen zwar, dass er sicher ist, aber er kann nicht rausgehen wegen der Kämpfe." Diese Situation war Ausgangspunkt für meinen Film, aus dem ich die Idee einer Familie entwickelt habe, hauptsächlich Frauen, die mit so einer Lage umgehen müssen.

Ich war leider selbst nie in Syrien, aber ich kenne den Libanon, und die beiden Länder haben sehr ähnliche kulturelle und soziale Codes. Aber ich habe den ersten Drehbuchentwurf dann zur Überprüfung ein paar befreundeten Syrern in Paris zu lesen geben, damit ich auch nicht falsch liege. Und bis auf die Hauptdarstellerinnen Hiam Abbas und Diamand Abou Abboud sind alle Darsteller aus Syrien, die haben auch aufgepasst. Im Film bleibt offen, wer die Männer sind, die in das Apartment eindringen, oder zu welcher Seite die Scharfschützen gehören. Warum benennen Sie die Konfliktparteien nicht? Mein Interesse war hier nicht die Politik, sondern die normalen Leute, die kopfüber in völlig unvorhersehbare Umstände gebracht wurden, über die sie keinerlei Macht haben. Ob es das Regime ist, das sie bombardiert, oder die Rebellen, oder ob diese beiden Aggressoren irgendwelche Plünderer sind, die im Chaos an sich reißen was sie kriegen können, das ist für die Familie in dieser Wohnung letztlich egal, der Film bezieht politisch nicht Stellung, sondern ist nur auf Seite der Zivilisten. Ich persönlich beziehe natürlich Stellung: Ich halte Baschar al Assad und die Leute um ihn für Monster, die auf einem Trümmerfeld sitzen und eine längst nur mehr surreale Macht zu beschützen versuchen. Es ist ja nichts mehr übrig, alles ist zerstört in diesem Land.

Film: Innen Leben. Drama, Belgien, Frankreich, Libanon 2017. Regie: Philippe van Leeuw. Mit Hiam Abbas, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis. Start: 23. 6.

(SN)

Aufgerufen am 24.06.2018 um 01:14 auf https://www.sn.at/kultur/innen-leben-wie-sich-krieg-von-innen-anfuehlt-12494008

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