Kultur

Juliette Binoche im Interview: "Liebe kann man nicht kontrollieren"

In der Komödie "Meine schöne innere Sonne" von Claire Denis macht sich Juliette Binoche herzzerreißend aufrichtig über das Verliebtsein lustig.

Juliette Binoche als Isabelle: Liebe bedeutet, auch das Verlieren zuzulassen. SN/polyfilm
Juliette Binoche als Isabelle: Liebe bedeutet, auch das Verlieren zuzulassen.
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino. SN/polyfilm
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino.
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino. SN/polyfilm
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino.
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino. SN/polyfilm
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino.
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino. SN/polyfilm
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino.
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino. SN/polyfilm
„Meine schöne innere Sonne“ im Kino.

Nach politischen Filmen über das Mannsein, über Postkolonialismus und über das moderne Frankreich hat die französische Meisterregisseurin Claire Denis ihre erste Komödie gedreht. Es ist ein Wurf: In "Meine schöne innere Sonne" macht sich Juliette Binoche im Namen der Liebe systematisch zum Affen, gegenüber Xavier Beauvois, Gérard Depardieu und vielen anderen - und gewinnt alle Herzen, nur nicht das jenes Mannes, der ihre Sehnsüchte erfüllen kann. Aber was soll's: "In Wahrheit müssen wir die Einheit eh mit uns selbst finden", sagt Binoche im SN-Interview.

Sie spielen in "Meine schöne innere Sonne" Isabelle, die auf der Suche nach der großen Liebe ist. Wie ist sie an diesem Punkt in ihrem Leben angekommen? Juliette Binoche: In meinen Augen ist die Vorstellung der einen, großen Liebe eine recht seltsame Art, das Leben zu betrachten. Es hängt doch davon ab, wem man begegnet. Und Isabelle hat ja Liebe erlebt, sie hat die konventionellen Erwartungen erfüllt, zu heiraten und ein Kind zu kriegen. Aber irgendwann ist sie nicht mehr glücklich gewesen, sie hat das Bedürfnis nach einer Unabhängigkeit von Konventionen, und das erleben viele Leute als Niederlage. Ich bin der Ansicht, sich auf diese Weise auf dem Boden zu finden mag schmerzhaft sein. Aber das ist nicht zwingend etwas Schlechtes, sondern hat auch mit Wahrheit zu tun. Illusionen zurückzulassen gehört zum Spiel dazu.

Dieser Film ist unglaublich lustig. Dabei ist Claire Denis nicht für Komödien bekannt, aber das Timing ist so perfekt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Ich glaube, Claire mag es, wenn nicht alles erklärt wird. Sie mag die Konfrontation gegensätzlicher Momente im Leben, und das hat sie in ihren bisherigen Filmen auch schon so gehandhabt. Sie hat dieses Drehbuch so geschrieben, dass offensichtlich wird, wie lächerlich die Liebe oft ist, wenn wir uns nach dem einen sehnen und dann nach dem anderen, oder wenn wir uns ausgerechnet dann betrogen fühlen, wenn die andere Person es ernst meint mit uns. Dieses Gefühls-Ping-Pong war auch lustig zu spielen, wie eine kondensierte Version dessen, was wir wahrscheinlich alle schon einmal erlebt haben.

In diesem Film wirkt es, als wären Frauen eher in Gefahr, sich in Liebesaffären hineinzusteigern. Ist das so? Das Bedürfnis nach dem Absoluten ist bei allen gleich groß, danach, den Einen zu finden. Dabei müssen wir die Einheit eh mit uns selbst finden. Aber wenn wir am Höhepunkt einer Beziehung sind, fühlt es sich an, als würde man etwas Ewiges mit dem anderen teilen. Dieses Bedürfnis gibt es immer wieder im Leben, das ist schon da, wenn ein Baby seine Mutter anschaut, während es gestillt wird. Hätten wie diesen Drang nach dem Großen nicht, würden wir uns mit der Liebe wahrscheinlich leichter tun, aber das ist nicht kontrollierbar, und das betrifft uns alle. Männer zeigen das vielleicht weniger, aber ich hab den Verdacht, Männer reden untereinander auch über ihre Beziehungen.

Immer wieder ist im Film unklar, ob Isabelle die eine Beziehung beendet hat, während die nächste beginnt. Ich hab Claire gefragt, in welchem Zeitrahmen das alles passiert. Drei Monate? Zwei Jahre? Sie sagte, das sei egal. Beim Drehen haben wir eine Geschichte nach der anderen gefilmt, das hat mir geholfen, den Überblick zu bewahren, und sie hat es beim Schneiden erst ineinander verschoben. So ist das Leben oft: Du beendest die eine Beziehung, oder glaubst, mit dir wird etwas beendet, dabei gibt es den Bruch noch nicht, und etwas neues beginnt womöglich schon. Aber das ist auch gut, weil uns das in unserem Ego infrage stellt. Liebe kann man nicht kontrollieren, auch wenn es hart ist, das zu lernen. Liebe bedeutet, auch das Verlieren zuzulassen.

Kino: "Meine schöne innere Sonne", Komödie, Frankreich 2017. Regie: Claire Denis. Mit Juliette Binoche, Xavier Beauvois, Gérard Depardieu. Start: 15. Dezember.

(SN)

Aufgerufen am 23.01.2018 um 02:55 auf https://www.sn.at/kultur/juliette-binoche-im-interview-liebe-kann-man-nicht-kontrollieren-21732142

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