Kultur

Kiesler-Retrospektive startet in Berlin

"Treibt die Kunst-Händler aus den Salons der Gewinner. Sie stellen das Werk an den Pranger." Die Forderungen des österreichisch-amerikanischen Künstlers Friedrich Kiesler Mitte des vorigen Jahrhunderts klingen überraschend aktuell. Ebenso weitsichtig erscheinen seine Arbeiten, denen ab Samstag im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Ausstellung gewidmet ist.

Die Ausstellung kann bis 11. Juni besucht werden.  SN/APA (dpa)/Jörg Carstensen
Die Ausstellung kann bis 11. Juni besucht werden.

Friedrich Kiesler ist in amerikanischen Fachkreisen wohl bekannter als in europäischen. Geboren wurde er 1890 im zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörenden Czernowitz. In Wien studierte er sowohl an der Technischen Hochschule wie an der Akademie der bildenden Künste. Diese zweifache Ausbildung weist bereits in jene universale Richtung, für die Kieslers ganzheitliche Kunst später stehen sollte.

Erste Erfolge errang der Künstler am Theater in Berlin, 1923 mit einem "elektromechanischen Bühnenbild" für ein Roboter-Stück, bevor er 1926 in die USA übersiedelte und dort mit Schaufenstergestaltungen, Theater- und Raumentwicklungen zu Berühmtheit gelangte. 1965 starb Kiesler in New York. Einziges umgesetztes Bauprojekt ist der Shrine of the Book in Jerusalem, der Schriftrollen des Alten Testaments und Schriftfunde aus Qumram enthält.

"Er ist einer der bekanntesten Architekten und war in Berlin noch nicht zu sehen, das ist ein wenig seltsam", sagte der Direktor des Martin-Gropius-Baus, Gereon Sievernich am Freitag anlässlich der Vorstellung der Schau "Wiederentdeckte Moderne I: Friedrich Kiesler: Architekt, Künstler, Visionär". Denn:" Er hat schon alles vorweggenommen." Etwa das Ineinanderfließen der Sparten. Eines der bekanntesten Werke Kieslers, das höhlenähnliche "endless house", bezeichnete Sievernich als "Inkunabel der Architekturgeschichte".

Es ist, gemeinsam mit rund 400 anderen Ausstellungsstücken, auf Fotos und Studien in der Schau in Berlin zu sehen. Anders als die Kiesler-Ausstellung im Wiener Museum für angewandte Kunst im vorigen Jahr ist die Berliner Ausstellung keine Überblicksschau mit Interventionen anderer Künstler, sondern chronologisch angeordnet. "Er kommt aus dem Wien des Gesamtkunstwerks der Jahrhundertwende, ist aber geprägt vom sozialdemokratischen Wien der 20er-Jahre", sagte einer der drei Kuratoren der Ausstellung, Dieter Bogner. "Deshalb steht bei ihm der Mensch im Mittelpunkt."

"Es ist ein universelles Werk. Er ist nicht Österreicher, nicht Amerikaner", sagte Bogner. "Er ist nicht der populäre, erotisch schwingende Klimt. Aber er hat einen kontinuierlichen Wirkungsfaktor." Schon zu seiner Zeit war Kiesler intensiv vernetzt. "Er war mit dem 'Who is Who' der Avantgarde befreundet", sagte der zweite Kurator der Berliner Schau, Gerd Zillner. Andy Warhol habe ihn verehrt, mit John Cage habe er Kontakt gepflegt.

Wie sehr der Architekt, Bühnenbildner, Designer, Theoretiker und Künstler seiner Zeit voraus war, lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen: Etwa anhand des Modells einer beweglichen Raumbühne mit Platz für die Schauspieler in der Mitte, das er 1924 im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses aufgebaut hatte. Oder mittels Inneneinrichtungen mit Vorläufern von Nierentischen und Liegestuhlartigen Hockern in Toffifee-Farben, sogenannten Rockern.

Quelle: APA

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