Kultur

Kinderoper "Patchwork" für junges Publikum

"Patchwork", das ist eine Familie, die aus der Not eine Tugend gemacht hat. Es ist auch eine Technik in der Textilverarbeitung, bei der verschiedene Stoffe gemeinsam ein farbenfrohes Ganzes bilden. Und es ist die neue Kinderoper von Tristan Schulze, die gestern, Sonntag, in der Staatsopern-Dependance Walfischgasse uraufgeführt wurde. Flott, farbig, fröhlich - und ganz nebenbei eine richtige Oper.

Eingangsbereich Kinderoper-Studio Walfischgasse.  SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Eingangsbereich Kinderoper-Studio Walfischgasse.

Ob der Streit um den Pizzabelag, der morgendliche Stress, wenn Mama verschlafen hat, oder die Geschenkübergabe vom Nikolo: während das Libretto von Johanna von der Deken auf möglichst alltagsnahe Sprache setzt, scheut sich die Partitur nicht vor anspruchsvoller, mitunter durchaus auch spröder, immer aber kurzweiliger Melodie- und Harmonieführung. Vor allem mit der Fülle der Instrumentierung sorgt Schulze geschickt für Szenen- und Stimmungswechsel, lässt mal nur ein Quartett rund ums Akkordeon werken, mal üppigen Orchestersound erklingen. Die Motive sind flüchtig, aber atmosphärisch dicht, verzichten auf Ohrwurmpotenzial zugunsten des Bühnengeschehens.

Dort geht es turbulent und treffsicher zu (Regie: Silvia Armbruster). Da stolpern zunächst Vera (Stephanie Houtzeel) und Niko (Clemens Unterreiner) im Gang eines Wohnhauses aufeinander. Vera ringt mit dem Leben als alleinerziehende Mutter dreier Kinder, während ihr Exmann gerade eine neue Familie gründet. Niko hat seine Scheidung ebenso wenig verkraftet wie sein Sohn Joshua. Trotz der nur einstündigen Dauer nimmt man sich Zeit für eine sorgsame Exposition, stellt die Familien und die zarten Bande zwischen Eltern und Kindern vor und lässt das rasch zusammenwachsende Patchwork erst dann so richtig Fahrt aufnehmen.

Und wie das auch beim Patchworken selbst so ist, werden gerade aus den möglichen Schwachstellen die Stärken in diesem Stück: Die erste und wichtigste ist, dass Kinder Kinder singen. Allegra und Laetitia Pacher, Victor Munteanu und Raphael Reiter erweisen sich als tolle Darsteller und - als Schüler der Opernschule - auch als intonationssicher. Klar, da hat nicht alles raumfüllendes Volumen. Aber die Glaubwürdigkeit, die die Kinder mit auf die Bühne bringen, ist nicht zu toppen - und für die Kinder im Publikum gibt es keinen Zweifel, wer die großen Stars des Abends sind.

Die zweite Stärke, die manche überraschen mag, ist die klare Positionierung als Oper. Es wird nicht gesprochen, es wird - auch nicht stellenweise - zum Musical mutiert, um besser ins Disney-Universum zu passen. Und: das junge Publikum findet das toll, aufregend und "ur cool", wie die APA gleich mehrfach aus erster Hand in Erfahrung bringen konnte. Die dritte Stärke, die auch eine kleine Schwäche ist, ist der sprühende Optimismus, mit dem sich die Macher dem Stoff genähert haben. Dass das Zusammenwachsen von zwei Familien durchaus seine Stolperstellen aufweisen kann, ist hier quasi nicht zu spüren. Es ist Weihnachten, die Mauer zwischen den Nachbarwohnungen fällt - alle sind glücklich. Und warum auch nicht? Für die kleinen Opernbesucher, die Scheidung und Neufamilie erlebt haben oder es noch tun werden, kann ein bisschen übertriebene Zuversicht sicher nicht schaden. Großer Beifall.

Quelle: APA

Aufgerufen am 13.11.2018 um 06:02 auf https://www.sn.at/kultur/kinderoper-patchwork-fuer-junges-publikum-481882

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