Wolfenstein: The New Colossus

Als die Nazis den Krieg gewonnen haben

Vom Index zum Blockbuster-Spiel: Warum "Wolfenstein II: The New Colossus" der mit Abstand beste Oldschool-Shooter des Jahres ist.

Am Ende musste man Adolf Hitler töten, um so den Lauf der Geschichte zu ändern. Wie Tarantino in "Inglorious Basterds". 25 Jahre ist es jetzt her, dass die visionären Köpfe von id Software mit "Wolfenstein 3D" einen Meilenstein des Shooter-Genres geschaffen haben. Technisch war das Game ein Quantensprung, das darf man heute ganz wertfrei feststellen. Indizierung und Beschlagnahme verschafften dem Enfant terrible der Spielebranche Kultstatus.

Inzwischen gibt es die "Wolfenstein"-Reihe seit 1981. 36 Jahre später wurde aus dem pixeligen Problemspiel ein Blockbuster, der wie ein Hollywoodfilm inszeniert ist. "Wolfenstein II: The New Colossus" heißt der jüngste Teil. Nazis haben eine Atombombe über New York abgeworfen und so den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Jetzt beherrschen sie die Welt. Obwohl: Eigentlich sind es keine Nazis, sondern Faschisten. Denn hierzulande dürfen die "Wolfenstein"-Nazis keine Nazis sein. Statt Hakenkreuze tragen sie dreieckige Symbole auf der Uniform. Bei Hitler haben die Entwickler den Bart entfernt. Und die Juden fehlen. Warum? Aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen oder Indizierung, heißt es seitens der Macher.

Trotz ausgiebiger Selbstzensur gehört "Wolfenstein II: The New Colossus" zu den besten und cleversten Shootern der letzten Jahre. Ein bisschen erinnert die Geschichte an die Amazon-Serie "The Man in the High Castle". Es ist ein albtraumhaftes Szenario, in das uns die Macher schicken: Unter der Herrschaft der Nazis müssen die Menschen als erste Fremdsprache Deutsch lernen. Rassismus ist straffrei. Und Schwarze und Geistigbehinderte werden in Gefängnisse abtransportiert.

Nach einer kurzen "Was bisher geschah"-Rückblende setzt "The New Colossus" da ein, wo der Vorgänger aufgehört hat. Protagonist B.J. Blazkowicz ist tot. Zumindest glauben das alle. Eigentlich liegt er im Koma. Dann, ein Flashback in die Kindheit. Die war alles andere als schön: Der Vater, ein Trinker, duldete keine Widerrede. Wenn Mutter oder Sohn nicht spurten, setzte es Schläge. Dann eine weitere Einstellung: Zusammen mit seinem Hund versteckt sich der Spieler im Wandschrank. Von dort aus beobachtete er, wie der Patriarch auf die Mutter losgeht.

Irgendwann will der Junge nicht mehr dasitzen und warten. Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen, greift nach einer Flasche und zertrümmert sie auf dem Kopf des gewalttätigen Vaters. Der nimmt eine Schrotflinte und zwingt das Kind den Hund zu erschießen. Szenen wie diese sind nicht nur Symbol für den revolutionären Geist des Widerstandes, dem zentralen Thema des Spiels. Sie zeigen auch eindrucksvoll die erzählerische Stärke des Games auf. Gewalt, mag sie auch stellenweise ziemlich explizit sein, ist hier Teil einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem menschenverachtenden Faschismus und im Grunde gar nicht verherrlichend, auch wenn das stellenweise so wirken mag.

 SN/bethesda

Um den Widerstand in den USA zu reaktivieren, reist der Spieler durch ein post-apokalyptisches New York bis nach New Mexico, nach Roswell, wo man in eine sonderbare Parallelwelt eintauchen darf. Da spricht etwa ein patroullierender Nazi auf der Straße eine Gruppe vermummter Ku-Klux-Klan-Anhänger an: "Ich mag euren Stil, Amerikaner. Ihr seid jetzt Teil des Reichs. Habt ihr Deutschunterricht genommen?" Es entwickelt sich ein herrlich grotesker Dialog, bei dem der Faschist dem Rassisten leicht genervt erklärt, wie man "Dankeschön" richtig betont.

Das ist bizarr, politisch unkorrekt und schwarzhumorig. Manchmal auch emotional. Und vor allem mutig. Im Spiel finden sich immer wieder amüsante Seitenhiebe in Richtung Trump-Regierung - etwa eine Zeitung, in der davor gewarnt wird, das Weiße Haus einem "völligen Idioten" zu überlassen.

Schon der Anfang, als Regimetruppen das Krankenhaus stürmen, in dem Blazkowicz liegt, ist so abgefahren, dass man ihn noch lange in Erinnerung haben wird: Weil seine Beine nicht funktionieren, ist der Hauptdarsteller zunächst an einen Rollstuhl gefesselt. Rollend muss er über Fließbänder oder riesige Zahnräder in höher gelegene Areale gelangen, dabei stürzt er auch schon einmal über eine Treppe. Nebenbei muss er auch heranstürmende Nazis erledigen. Ein Knochenjob. Erst ein mechanischer Kampfanzug lässt ihn wieder aufrecht stehen.

Wunderbar skurril sind auch die Figuren im Spiel, von denen keine beliebig oder austauschbar wirkt. Immer wieder hört man Nazis, wie sie sich über zu viel Gewalt beschweren und den Widerstand als einen Haufen Terroristen bezeichnen. Man hat es eben nicht leicht als Faschist. Einer von ihnen, ein Offizier, bestellt im Diner einen Erdbeer-Milchshake, den er genüsslich durch den Strohhalm schlürft - um sich kurz darauf über die Speisekarte zu mokieren. Diese sei nicht "deutsch" genug. Es ist die Banalität des Bösen, die "Wolfenstein II: The New Colossus" so treffend pointiert ins Licht rückt.

Fazit: Mit "The New Colossus" servieren die Macher Shooter-Kost auf höchstem Niveau. Mit stupider Baller-Action hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: So tiefgründig und hochpolitisch wie "Wolfenstein II" war schon lange kein Spiel mehr.

Info
Wolfenstein II: The New Colossus
Bethesda
PEGI: 18
PS4 (Test), Xbox One, PC

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