Kino

Die Berlinale ist im Umbruch

Am Samstag werden bei den 69. Filmfestspielen Berlin die Preise vergeben. Ein chinesischer Film wurde mitten im Festival gestrichen. David Schalkos neue ORF-Miniserie feierte Weltpremiere. Der Abschied von Langzeitchef Dieter Kosslick rückt näher. Ein Überblick über die ersten acht Tage des Filmfestivals.

Die Berlinale ist im Umbruch. Dieter Kosslick, der Mann mit rotem Schal und schwarzem Hut, hat die Berlinale 18 Jahre lang als Direktor geprägt. Er hat das Festival mit Expertise, Knuddelcharme und Holterdipolter-Englisch geleitet.
"Ich werde ihn vermissen", sagt Diane Kruger, Hollywoodstar aus Niedersachsen. Kosslick habe es geschafft, die Berlinale "aus dem Tiefschlaf" zu wecken, sagt Iris Berben. Die Schauspielerin verweist auf eine der großen Leistungen von Kosslick: Er hat dem deutschen Film wieder eine Plattform gegeben.

Ab 2020 ist erstmals eine Frau an der Spitze der Berlinale

Im Juni werden Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek als Doppelspitze die Leitung übernehmen. Ob und wie Chatrian und Rissenbeek das Filmfest ändern werden, ist noch nicht bekannt. Das Fachblatt "Variety" will erfahren haben, dass Chatrian angeblich Leute aus Locarno mitbringt, wo er das Schweizer Filmfest verantwortete. Der neue künstlerische Leiter gilt als Filmkunstfachmann mit Händchen für Publikumserfolge - eine seltene Kombination. Rissenbeek wird die geschäftsführende Leiterin der Berlinale. Die gebürtige Niederländerin kümmerte sich bislang um die Auslandsvertretung des deutschen Films - sie hat den hiesigen Branchenblick.

Erstmals in fast sieben Jahrzehnten ist damit eine Frau in der Leitung. Es passt dazu, dass der Noch-Chef Kosslick gerade eine internationale Vereinbarung für mehr Frauen in der Filmindustrie unterzeichnete. Ziel ist die Gleichberechtigung (50 zu 50) zwischen den Geschlechtern bis zum Jahr 2020. "Es ist nur ein erster kleiner Schritt, um die eingefahrenen Systeme zu öffnen", sagt die Regisseurin.

Fatih Akins Horrorschocker spaltete das Publikum

Der Wettbewerb um die Berlinale-Bären neigte sich schon am Donnerstag dem Ende zu, einen Tag früher als sonst. Das lag daran, dass ein Film ungewöhnlicherweise mitten im Festival gestrichen wurde: "One Second" von Zhang Yimou. Als Grund wurden von den Machern "technische Probleme" bei der Post-Produktion genannt. Nach Einschätzung von Beobachtern erschien es aber auch nicht ausgeschlossen, dass Zhangs Film Opfer der strengen chinesischen Zensur wurde.
Die Preise werden Samstag verliehen. Es ist ein durchwachsener Jahrgang mit einigen sehenswerten Filmen, aber ohne spektakuläre Momente. Regisseur Fatih Akin spaltete mit seinem Horror-Schocker "Der Goldene Handschuh" über einen Hamburger Serienmörder das Publikum.
Die Branche diskutierte über Netflix. Der Streamingdienst besitzt die Vertriebsrechte am Film "Elisa und Marcela", der im Wettbewerb läuft - und damit Diskussionen entfachte. Die spanische Regisseurin Isabel Coixet hat nach eigenen Angaben zehn Jahre gebraucht, um den Film zu finanzieren. Niemand habe sich für das Projekt interessiert, so Coixet am Mittwoch. Dann habe sie eine Produktionsfirma gefunden, die es Netflix vorschlug. Die Festivalleitung und auch Netflix hatten betont, dass der Film in Spanien ins Kino kommen soll. Schauspielerin Greta Fernández sagte, das Gute an Netflix sei, dass viele Menschen den Film sehen könnten.
Im Wettbewerb war in Nora Fingscheidts Drama "Systemsprenger" zu sehen, wie stark das deutsche Kino sein kann. Der Film ist auch dem Produzenten Nico Hofmann ("Ku'damm 56", "Unsere Mütter, unsere Väter") aufgefallen. Er hat die jungen Talente im Blick - da merke man jetzt einfach den Generationswechsel, sagt er. Was sich an der Berlinale ändern sollte? "Offen gestanden wenig." Hofmann ist begeistert davon, dass etwa bei dem Festival 2000 Leute im Kino sitzen, wenn es um neue Serien geht.

David Schalkos "M" feierte auf der Berlinale Weltpremiere

Im Zoo-Palast feierte eine österreichische Prestige-Produktion Weltpremiere. Die ersten beiden Folgen von "M - eine Stadt sucht einen Mörder" von David Schalko, produziert für den ORF und vorgestellt in der Sektion Series der Berlinale, wurden erstmals gezeigt. Nach eineinhalb Stunden brandete Applaus auf, durchbrochen von einigen Bravos. 130 Schauspieler hatten mitgewirkt, viele davon zeigten sich auf der Bühne: Lars Eidinger, Sophie Rois, Udo Kier oder Johanna Orsini-Rosenberg.

Besonders großen Applaus gab es für Regisseur David Schalko und Bela B.: Der Schlagzeuger der Kultband "Die Ärzte" hat erstmals in einer Fernsehserie mitgespielt. Als es um seine Rolle in "M" ging, habe er "Schnappatmen gekriegt", gesteht Bela B., er habe mit eine Absage gerechnet, damit, "dass man dann doch den gefunden hat, den man eigentlich für die Rolle wollte". Es sollte aber Bela B. sein, und der gebürtige Berliner mutmaßt sogar, dass ihm Schalko die Rolle des bleichen Mannes auf den Leib geschrieben haben könnte.
Vor fünf Jahren habe er "M" von Fritz Lang erneut gesehen, erzählt Regisseur Schalko, und sei fasziniert von den politischen Parallelen gewesen, "die vielleicht in Österreich stärker sind als in Deutschland". Und Lars Eidinger ergänzte: "Zuerst dachte ich, es sei ein Remake wie von der Titanic. Aber es ist lediglich der Titel gewesen." Für ihn sei der Film metaphorisch, denn die Menschen würden darin sich selbst suchen. "Wir haben nicht die Fremden verantwortlich zu machen, sondern das Fremde in uns selbst", sagte Eidinger.

Soll die Berlinale gesundschrumpfen oder wachsen?

Fatih Akin lobt ebenfalls Kosslicks Verdienste für den deutschen Film. Er gehörte aber auch zu den Filmschaffenden, die sich Ende 2017 für einen Neubeginn der Berlinale aussprachen. Was soll nun also mit dem Wechsel anders werden? "Kosslick hat das Festival vergrößert, ein Publikumsevent daraus gemacht, das sich längst selbst finanziert durch das zahlende Publikum", sagt Akin. Kosslick habe die Menschen in Berlin in Sachen Kino erzogen, wenn etwa Taxifahrer Sendungen über Arthousefilme hörten.
Jetzt sei vielleicht die Zeit, in der man wieder zurückfahren müsse, um die Qualität der Filme herauszustellen. "Das hat mit der heutigen Zeit zu tun, nicht mit Kosslick", sagt Akin. "Irgendwann, wenn es wieder lange genug klein war, wird es dann wieder wachsen. Ebbe und Flut." Damit spricht er den Punkt an, der am häufigsten kritisiert wird: Die Berlinale sei zu groß.
Andere finden genau das Große gut: Jedes Jahr laufen an elf Tagen 400 Filme. Mehr als 300 000 Karten werden verkauft. Kinofans nehmen sich für das Festival extra Urlaub und verfallen in einen einzigen Filmrausch. Die Berlinale gilt als riesiges Publikumsfestival, von Kinderfilmen bis zum Kulinarischen Kino. In Cannes und Venedig, wo man dank öffentlicher Gelder weniger auf den Verkauf von Kinokarten angewiesen ist, sind die Programme dagegen deutlich konzentrierter. Die Wettbewerbe können mehr hervorstechen.

Berlinale findet 2020 Ende Februar statt

Neu auch ist der Berlinale-Termin für 2020. Nachdem die Oscarverleihung auf den 9. Februar vorverlegt wurde, rückt die 70. Berlinale nach hinten und wird von 20. Februar bis 1. März stattfinden. Dann kollidiert sie nicht direkt mit Hollywood. Bislang schien es oft ein Problem zu sein, dass die Berlinale so knapp vor den Oscars lag. Vielleicht hilft dieser neue Termin mit bei der Neuaufstellung des Festivals.

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Quelle: SN, Apa, Dpa

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