Call of Duty: WWII

Ein Hauch von Hölle

Krieg und Kommerz: Der Shooter "Call of Duty: WWII" zeigt, wie grausam der Zweite Weltkrieg war. Immer an der Grenze des Erträglichen - und trotzdem oft nur oberflächlich.

Wer versucht, das Grauen des Zweiten Weltkrieges erlebbar zu machen, begibt sich auf eine unglaublich schwierige Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Information. Überhaupt ist Edutainment in der Spielebranche immer noch eine Nische, obwohl gerade kleinere Produktionsfirmen vermehrt auf Serious Games, also Videospiele mit Botschaft, setzen.

Mit "Call of Duty: WW2" haben die Macher einen der bislang engagiertesten Versuche unternommen, das Grauen des Zweiten Weltkrieges hautnah und möglichst authentisch als Videospiel zu zeigen. Zusammengepfercht kauert man zwischen verängstigten Kameraden in einem Landungsboot, das am D-Day die Normandie ansteuert. Soldaten übergeben sich, Bomben detonieren im Wasser, die Gischt peitscht einem ins Gesicht. Kaum ist die Bugrampe unten, beginnt der Horror: Körper werden durch die Luft geschleudert, Leichen treiben im Meer, Verwundete schreien nach dem Sanitäter oder irren ziellos durch das Schlachtfeld. Weil Befehle im tosenden Lärm der dauerfeuernden Maschinengewehre verstummen, herrscht totales Chaos und Orientierungslosigkeit.

Nach den ersten 30 Minuten "WWII" hat der Spieler einen ungefähren Eindruck davon, wie schrecklich es in den Bunkern und Schützengräben an der Normandie gewesen sein muss. Vom Schaden, den Flammenwerfer und Panzerfäuste angerichtet haben. Und von dem, was nach dem Schlachten übrig geblieben ist. Das alles kennen wir aus Filmen wie "Der Soldat James Ryan". Aber auch aus früheren Videospielen: Vor 15 Jahren schon konnte man in "Medal of Honor: Frontline" den Sturm auf die Normandie eindrucksvoll erleben.

Damals wie heute ist der Schrecken auf dem Bildschirm nicht mehr als ein Hauch von Hölle. Das liegt daran, dass "WWII" in erster Linie eine wilde Achterbahnfahrt ist - mit Autoverfolgungsjagden, entgleisenden Zügen und schwindelerregenden Dogfights. Dafür ohne Tiefgang, zumindest weitgehend. Erfolgreich ist die CoD-Serie dennoch: Inzwischen hat sie sich viele Millionen Mal verkauft, generiert Umsätze im Milliardenbereich. Kein Wunder also, dass mittlerweile auch namhafte Hollywood-Schauspieler mitwirken.

Call of Duty: WWII SN/activision
Call of Duty: WWII

Krieg und Kommerz. Oft wirkt das befremdlich. Natürlich stellt sich auch die Frage: Überschreitet es nicht die Grenzen des guten Geschmacks, wenn wir Kriege nachspielen? Wenn Grauen uns amüsiert? In "Call of Duty: WW2" ist man deshalb um klare, einfache Botschaften bemüht. Die Bösen, das sind die Deutschen. Heimtückisch ergeben sie sich - um dann plötzlich die Waffe zu ziehen. Als junger texanischer Soldat gehört man natürlich zu den Guten, die Sätze sagen wie: "Die Deutschen haben auch Familien" oder "Nicht alle von ihnen sind schlecht". Vorbildlich, verständnisvoll, ehrenhaft, unfehlbar. Etwas platt ist das schon.

Eine differenzierte Betrachtung wäre hier sicherlich angebracht gewesen - so wie in der hervorragenden TV-Serie "Band of Brothers". Die zeigte, wie der Krieg alle Seiten entmenschlichte und das Schlechteste in jedem hervorbrachte. In "Call of Duty: WW2" hingegen wirkt das alles sehr kalkuliert, bemüht.

Zwischen all dem Wahnsinn bleibt Zeit für Heldengeschichten: Einmal muss man einen verwundeten Soldaten durch die Schützengräben schleifen. Ein anderes Mal gilt es ein kleines Mädchen aus einem brennenden Theater zu befreien. Und als französische Agentin muss der Spieler ein Nazi-Hauptquartier infiltrieren und einen Überläufer finden. All das ist abwechslungsreich, rasant und meist sehr Action lastig.
Besonders packend ist die Ardennen-Offensive. Gehüllt in eingefrorene Mäntel spürt man förmlich die Kälte des eisigen Winters. Und man zuckt zusammen, wenn rundherum Granaten explodieren, Bäume knicken und Holzsplitter zu tödlichen Geschossen werden.

Call of Duty: WWII SN/activision
Call of Duty: WWII

So authentisch die Gefechte sind, so oberflächlich und plakativ bleibt die Geschichte. Zu wenig intensiv beschäftigt sich "WWII" auch mit dem Leid der Zivilbevölkerung und den Gräueltaten der Nazis. Videospiele müssen zwar nicht zwingend pädagogisch wertvoll sein. Wenn der Spieler dann aber - kurz vor Schluss - ein Vernichtungslager betritt, in dem er einen verschollenen Kameraden zu finden hofft, wirkt das eher irritierend, weil so viel Ernst gar nicht zum Rest des Games passt.

Neben dem klassischen Multiplayer-Modus, der sich in den letzten Jahren weder spielerisch noch visuell besonders weiterentwickelt hat, gibt es auch einen Koop-Modus, in dem man gegen Nazi-Zombies kämpft. Geschichte muss unterhaltsam sein. Schon klar.

Fazit: "Call of Duty: WW2" bietet eine spannende Kampagne, die sich auch vor Hollywood-Blockbustern nicht zu verstecken braucht. Technische Neuheiten gibt es aber ebenso wenig wie kreative Ansätze beim Storytelling.

Info
Activision
Call of Duty: WW2
PEGI: 18
PC (Test), PS4 und Xbox One

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