Kino

Filmdrama "In Liebe lassen": So geht ein glückliches Ende

Das französische Drama "In Liebe lassen" mit Catherine Deneuve schildert eine Idealversion eines zu frühen, aber dafür friedlichen Todes: bewusst, in Dankbarkeit und liebevoll begleitet.

Am Ende ist es immer schlimm, weil wir nicht darauf eingerichtet sind. Wir sind für das Weiter-Hoffen gemacht, das Wird-schon-gut-Werden, das Nur-den-Kopf-nicht-hängen-Lassen. So funktioniert Menschsein, noch in äußersten Ausnahmezuständen. In Emmanuelle Bercots Drama "In Liebe lassen" geht auch Benjamin (Benoît Magimel) davon aus, dass alles gut wird, er ist ja erst 39, hat noch nicht das geschafft, was er mit seinem Leben erreichen wollte, ist gescheitert als Schauspieler, hat es nur zum Schauspiellehrer gebracht.

Kommt gar nicht infrage, dass es jetzt zu Ende gehen soll. Ja, er hat ein Bauchspeicheldrüsenkarzinom im vierten Stadium, aber eine zweite Meinung muss her. Also bucht Benjamins Mutter Crystal (Catherine Deneuve) einen Termin bei Dr. Eddé (Gabriel A. Sara).

Der fragt Benjamin: "Wollen Sie wirklich wissen, wie es Ihnen geht?" Will Benjamin eigentlich nicht. Aber dann erfährt er es doch: Irgendwas zwischen drei Monaten und einem Jahr bleibt ihm noch. Was sich in seinem Körper ausbreitet, ist inoperabel. Lebensqualität verbessern, ja, das geht, mit Chemotherapie, auch das Leben etwas verlängern. Heilung gibt es keine, das in Aussicht zu stellen wäre gelogen.

Selbst kann Benjamin diese Gefühle nicht ausdrücken, also erforschen es seine Schauspielschülerinnen und -schüler auf der Probenbühne: die Liebe im Abschied. Der Wert der letzten Momente, des letzten Lächelns, des letzten Dufts. Die verzweifelte Erotik der Vergänglichkeit. Die Schönheit, die erst im Bewusstsein des bevorstehenden Abschieds ihre Tiefe entwickelt. Das Nicht-gehen-lassen-Wollen.

"In Liebe lassen" ist kein Film über Hoffnung, und keiner über Trauer, sondern ein Liebesfilm, zwischen Mutter und Sohn, zwischen einem erkrankten Menschen und seinem vermeintlich verpfuschten Leben, zwischen einem Enttäuschten und der Welt. Und es ist ein Film, der eine Idealversion dessen schildert, wie ein bewusster Abschied von der Welt aussehen kann. Wie funktioniert würdevolles Sein im Angesicht des eigenen Endes? Dr. Eddé, im Film vom renommierten Onkologen Dr. Sara dargestellt, der damit quasi sich selbst spielt, vergleicht diesen Lebensabschnitt mit einer Bergtour, die einmal noch anstrengend ist vor dem Abschluss. Und er macht sehr deutlich, dass die Suche nach Gründen für die Erkrankung keine Hilfe ist und Schuldgefühle weder der Mutter noch dem Sohn helfen.

Benjamin stirbt zwar viel zu jung, doch - und hier schrammt Bercots idealisierendes Drehbuch am Kitsch vorbei - es ist ein weiches Fallen, das ihm bevorsteht: Ja, er fühlt sich gescheitert, obwohl er ein verehrter Schauspiellehrer ist, doch er hat eine Mutter, die ihm die beste aller Behandlungen finanziert und hat sogar, spätestens da wird es fast grotesk, Immobilien, die er vererben kann. Was die Behandlung betrifft, ist "In Liebe lassen" aber kein Kitsch, sondern eine Zielvorgabe: So soll es bitte für alle sein, die ihre letzten Lebensmonate in intensiver medizinischer Begleitung verbringen müssen.

Die Perspektive des medizinischen Personals ist im Film fast genauso wichtig wie die des Patienten und seiner Familie. Bercot zeigt, wie Dr. Eddé mit den Pflegerinnen und Kolleginnen den Zustand der Patienten bespricht, wie auch sie mit der Trauer um sterbende Personen umgehen müssen, wie sie Fröhlichkeit auch noch in der Palliativbetreuung zuzulassen versuchen. Insofern ist "In Liebe lassen" ein hochpolitischer Film, gerade in seiner Diskrepanz zu dem, wie medizinisch begleitetes Sterben in der Realität viel zu oft aussieht, umsorgt von gestresstem Personal, von zwar aufopfernden, aber unterbezahlten und übermüdeten Pflegern und Ärztinnen.

Ein ganzes, letztes Jahr begleitet Regisseurin Emmanuelle Bercot ihren Protagonisten beim Abschied vom Leben und bei der Erkenntnis: Wenn ich nicht mehr bin, wird die Welt nicht erbeben. Es wird einfach weitergehen. Und wenn dann im Abspann die Österreicherin Soap&Skin eine Gänsehautversion von "Voyage, voyage" singt, ist es beinahe auszuhalten, dass das Ende zu jeder Lebensreise dazugehört.

Film:In Liebe lassen. Drama, Frankreich 2021. Regie: Emmanuelle Bercot. Mit Benoît Magimel, Catherine Deneuve. Start: 21. 1.

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Aufgerufen am 22.05.2022 um 07:18 auf https://www.sn.at/kultur/kino/filmdrama-in-liebe-lassen-so-geht-ein-glueckliches-ende-115782391

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