Kino

"Foxtrot"-Regisseur im Interview: "Israel ist ein traumatisches Land"

Die Nachricht vom Tod eines Soldaten steht im Mittelpunkt eines preisgekrönten israelischen Dramas über existenzielle Ängste. In Israel wurde der Regisseur dafür angefeindet.

Ein Vater bekommt die Nachricht vom Tod seines Soldatensohnes: Der israelische Film "Foxtrot" ist eine Tragödie über eine traumatisierte Gesellschaft. In Israel wurde Regisseur Samuel Maoz für den Film, der als Kritik an der Armee verstanden werden kann, heftig angefeindet. So habe die Kulturministerin gesagt, dass der Film "das Land zerstöre", erzählt Maoz im Interview -"als sei der Film eine Atomwaffe". Bei den Filmfestspielen Venedig gab es hingegen den Großen Preis der Jury, jetzt kommt "Foxtrot" ins Kino, beklemmend, dabei anmutig und teils surreal.

Am Beginn des Films steht die effektive Routine, mit der die israelische Armee Eltern die Nachricht vom Tod ihres Kindes überbringt. Ist diese Prozedur realistisch? Samuel Maoz: Ja, doch. Ich werde immer wieder gefragt, warum diese Soldaten nicht einfühlsamer agieren. Aber man kann ja auch nicht von einer Ärztin erwarten, dass sie bei jedem Patienten dessen Leiden mitfühlt. Wenn es heißt, dass die Besetzung uns korrumpiert hat, bedeutet das nicht, dass man zu einer bösen Person geworden ist, aber man stumpft ab. Diese Gefahr besteht besonders, wenn ganz junge Soldaten damit betraut werden, etwa wie im Film Straßensperren zu überwachen, und einschätzen zu müssen, ob jemand gefährlich ist oder nicht. Irgendwann verliert man da sein Mitgefühl.

Ist es diese Abgestumpftheit, von der Sie erzählen wollen, ist es das, was die Besetzung mit Israel macht? Oder war der Ausgangspunkt die Tragödie eines sinnlosen Todes Es ist eine Kombination. Mein erster Spielfilm "Lebanon" (2009) handelt von meiner eigenen Kriegserfahrung im Libanonkrieg 1982, als Schütze in einem Panzer, als zwanzigjähriges Kind, das auf einmal Menschen töten muss. Ich habe danach wohl unter einer stillen posttraumatischen Störung gelitten, die mich für viele Jahre aus der Bahn geworfen hat. Ich hatte große Schuldgefühle, obwohl ich weiß: Hätte ich selbst nicht getötet, würde ich heute nicht hier sitzen.

Und ich bin nicht allein mit diesem Trauma. Die Rückmeldungen auf den Film haben mir klargemacht, dass die israelische Gesellschaft voller Leute ist, die so sind wie ich, und das ist der Grund für unser Verhalten. Warum gibt es seit mehr als fünfzig Jahren eine Besetzung, warum kaufen wir lieber ein weiteres U-Boot, anstatt eine Million hungernder Kinder zu ernähren? Warum gibt es überhaupt so viel Hunger in einem technologisch so fortgeschrittenen Land? Die Antwort ist, dass wir eine traumatische Gesellschaft sind.

Was meinen Sie damit? Unsere emotionale Erinnerung an unsere früheren Traumata, wovon der Holocaust natürlich der Höhepunkt war, gefolgt von unseren Überlebenskriegen - diese Erinnerung ist immer noch viel mächtiger als jede gegenwärtige Wirklichkeit. Das Trauma wird von Generation zu Generation weitergegeben, und darin begründet sich die Überzeugung, dass wir uns in einer konstanten existenziellen Gefahr befinden und als Resultat ständig im Kriegszustand sind. Aber eine technologisch fortgeschrittene Nation mit Atomwaffen befindet sich doch nicht in derselben existenziellen Gefahr, wie wir damals im Holocaust waren, oder am Beginn des Staates Israel, in den Befreiungskriegen!

Aber in der israelischen Realität setzen wir immer noch alle Priorität auf Sicherheit, auf das Militär, auf Selbstverteidigung vor dem Unbekannten, anstatt die hungrigen Kinder zu füttern, und die halbe Million Holocaust-Überlebender, die am Existenzminimum leben.

"Foxtrot" erzählt also anhand einer privaten Tragödie von den Auswirkungen auf die israelische Gesellschaft? Ja, "Foxtrot" befasst sich mit der offenen Wunde der israelischen Gesellschaft, mit der traumatischen Situation, in der wir gefangen sind. Das meine ich auch. Jede Generation tanzt den Foxtrott anders, aber letztlich ist unsere Lage wie die Tanzschritte: Egal was passiert, wir landen immer wieder am Ausgangspunkt.

Aus einer europäischen Perspektive ist diese permanente existenzielle Angst schwer zu verstehen. Das können Sie in der ersten Szene sehen, da klingeln die nur an der Tür und müssen kein Wort sagen, und Dafna (die Mutter, Anm.) versteht. Wir haben die immer "das Todesteam" genannt, ein Soldat, ein Arzt, eine Soldatin. Wie überall lernt man, damit zu leben, was einen umgibt. Es ist nicht so, dass man morgens aufwacht und nicht mehr funktioniert. Es ist eine permanente Ebene der Sorge, die über allem liegt. Ich empfinde mich als glücklich, weil ich drei Töchter habe. In Israel wollen die Leute Töchter haben, weil es weniger wahrscheinlich ist, dass sie als Soldaten sterben.

Film:Foxtrot. Drama, Israel, Deutschland, Frankreich, Schweiz 2017. Regie: Samuel Maoz. Mit Lior Ashkenazi, Sarah Adler, Yonatan Shiray. Start: 13. 7.

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.07.2018 um 07:15 auf https://www.sn.at/kultur/kino/foxtrot-regisseur-im-interview-israel-ist-ein-traumatisches-land-31730416

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