Kino

"Gehört, Gesehen" als vielstimmige Liebeserklärung an Ö1

Es ist eine Liebeserklärung in unruhigen Zeiten, eine Hommage an eine Institution, in der Hoffnung, kein Nekrolog zu werden: "Gehört, Gesehen" lautet der Titel des Dokumentarfilms der beiden Regisseure Jakob Brossmann und David Paede, die damit das Sendermotto von Ö1 paraphrasieren. Am Freitag kommt das Werk über einen der größten Kultursender Europas in die Kinos.

Jakob Brossmann ist einer der beiden Regisseure des Werks SN/APA (ARchiv)/HERBERT NEUBAUER
Jakob Brossmann ist einer der beiden Regisseure des Werks

"Wir sind leidenschaftliche Hörer", bekannte Brossmann ("Lampedusa in Winter") bei der Weltpremiere auf der heurigen Diagonale. Und tatsächlich machen er und sein Co-Regisseur Paede sich mit ihrer Sache gemein - aber sie skizzieren dabei kein monochromes Bild. Schließlich ist "Gehört, Gesehen" zu einer heiklen Phase gedreht worden, in der die Regierung das neue ORF-Gesetz auf die Agenda nahm, ein Großteil der Mitarbeiter perspektivisch den Auszug aus dem legendären Radiokulturhaus vor Augen hatte und der Sender 50. Geburtstag inklusive einer Runderneuerung des Designs feierte.

Entstanden ist die Idee zu dem Filmprojekt denn auch aus dem Kampf um den Erhalt des Radiokulturhauses, erinnerte sich Paede. Schnell sei die Leitfrage für die sich über zwei Jahre erstreckende Arbeit jedoch eine andere geworden: "Wie positioniert man sich als Qualitätsmedium in einer Zeit, in der immer schneller und mehr produziert werden soll?" So ist "Gehört, Gesehen" eine Liebeserklärung und ein medienpolitisches Postulat zugleich, ein Porträt und ein Appell in einem.

Frappant ist dabei nicht zuletzt, wo den beiden Filmemachern überall der Zugang gewährt wurde. 56 interne Sitzungen habe man mitgefilmt, erinnerte sich Brossmann. Und da wird auch durchaus Tacheles geredet, wenn Senderchef Peter Klein sich den öffentlichen Protest von Moderatoren on air gegen das Absetzen ihrer Sendung verbietet oder nach anfänglicher Lobhudelei auf das Programm alsbald eine schonungslose Analyse der schwindenden Marktanteile folgt.

Das beeindruckendste Momentum von "Gehört, Gesehen" ist aber, auf welch reflektiertem Niveau die Gremien über ihren Sender, ihre Ausrichtung, ihre Haltung diskutieren. Radio in Zeiten, in denen öffentlich-rechtliche Medien unter Beschuss stehen, ist hier das aktive Anarbeiten gegen die Filterblasen der sozialen Medien und ein vielstimmiger Chor gegen die Echokammer. Andererseits überrascht, wie hoch bisweilen die Beharrungskräfte sind, wenn es um letztlich marginale Veränderungen an einzelnen Sendungen wie "Des Cis" geht.

Dennoch ist "Gehört, Gesehen" kein medienpolitisches Pamphlet, sondern huldigt auch dem Wesen des Senders als solches. Eingefleischte Ö1-Fans können sich etwa am Aha-Effekt erfreuen, ihre liebsten Stimmen nun mit Angesicht zu sehen. Die Putzfrauen, die schon mal bei den Technikboards unabsichtlich einen falschen Knopf drücken stehen neben dem wiederholten Einsprechen der Signation "Guten Morgen Österreich". Die stoisch ruhigen Mitarbeiter des Callcenters vereinen sich mit dem Einspielen der neuen Senderkennungen durch Christian Muthspiel.

Immer strukturieren dabei ruhige Schnitte auf das Radiokulturhaus den Lauf des Films - also der Blick auf jenes legendäre Gebäude, dessen Erhalt als Radiositz am Anfang der Idee für das Projekt stand. Und am Beginn und dem Ende dieses Jahreszeitenporträt einer Kulturinstitution steht der Sendemast am Kahlenberg. Letztlich ist "Gehört, Gesehen" eine nur selten wehmütige, sondern primär kampfbereite Huldigung eines Sender und seiner Mitarbeiter, bevor die Redaktionen in wenigen Jahren auf den Küniglberg übersiedeln müssen.

Quelle: APA

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