Kino

"Goodbye, Christopher Robin": Pu, der Bär, geboren aus Tragik

Der weltweit in Buch, Comic und Film heiß geliebte "Pu der Bär" ist das Kind einer Tragödie. Nun erzählt ein trauriger Film von dieser familiären Entstehungsgeschichte.

Er war kein glücklicher Mann, dieser A. A. Milne aus London, der Verfasser der weltberühmten Kindergeschichten um die Figur "Pu der Bär". Der Film "Goodbye, Christopher Robin" erzählt nun das Leben Milnes und seines Sohns Christopher Robin.

Verfilmt hat die Geschichte der britische Regisseur Simon Curtis, der auch das Drama "Die Frau in Gold" um Maria Altmann und die unwürdige Restitutionsgeschichte von Gustav Klimts Porträt der Adele Bloch-Bauer auf die Leinwand gebracht hat. Er beginnt seinen Film mit einer schlimmen Nachricht: A. A. Milne (gespielt von Domhnall Gleeson) bekommt 1941 einen Brief der Armee, sein Sohn Christopher Robin sei verschollen - wahrscheinlich sei der junge Mann tot. Daraufhin beginnt sich Milne zurückzuerinnern: Wie das war, als er selbst im Ersten Weltkrieg kämpfen musste, der damals in Großbritannien nur "der Große Krieg" genannt wurde, der Krieg, der alle Kriege beenden sollte. Er denkt daran, wie er im Schützengraben an der Somme neben den verwesenden Leichen seiner Kameraden ausharren musste, umschwärmt von Tausenden Fliegen, und den Gedanken nicht loswurde, dass sie einst Maden gewesen waren, und wovon sich diese Maden ernährt hatten.

Und er erinnert sich, wie er dann, nach seiner Rückkehr nach London, in den kultivierten Kreisen der besseren Gesellschaft wieder Anekdoten erzählen sollte, Satiren verfassen, Komödien auf die Bühne bringen, womit er vor dem Krieg so erfolgreich gewesen war. Doch es gelingt ihm nicht mehr. Schwer traumatisiert und unfähig zu schreiben, überredet er seine Frau Daphne (Margot Robbie), mit ihm aufs Land zu ziehen, nach Sussex.

Die beiden bekommen ein Kind, das sie bei der Geburt fast auseinanderreißt und ihm fremd bleibt. Eine Nanny (Kelly Macdonald) wird engagiert, die beiden Eltern reisen bei jeder Gelegenheit nach London, besuchen Bälle, bleiben Teil der Gesellschaft.

Und der kleine Sohn Christopher Robin, der familienintern "Billy Moon" gerufen wird, wächst heran, unter dem Imperativ "Pssst, Daddy arbeitet!" - auch wenn Milne weiterhin kaum zu schreiben imstande ist, das große Werk gegen den Krieg, das er sich vorgenommen hat, liegt ihm zu schwer auf der Seele. Bis dann ein Zufall es so will - ein Ehestreit, ein Unglücksfall in der Familie der Nanny -, dass Schriftstellervater und Sohn ein paar Tage allein bleiben im Haus auf dem Land, und zum ersten Mal beginnen, sich einander anzunähern. Aus diesen bedeutungsvollen Tagen seliger Zweisamkeit, in denen Billy Moon, sein Vater und sein geliebter Teddybär Winnie glückliche Abenteuer im Wald erleben, entwickelt A. A. Milne seine berühmten Geschichten, die ihn selbst wieder heil machen werden. Doch "Pu der Bär" wird auf dem Buchmarkt dermaßen erfolgreich, dass Billy Moon zum brutal ausgebeuteten Marketingwerkzeug wird und das Band zwischen Vater und Sohn erneut zerreißt.

Unter der Regie von Curtis gerät die tragische Geschichte um Eltern, die ihren Sohn unter dem Druck von Gesellschaft und eigenen Erwartungen fast kaputt machen, zur seifigen Angelegenheit. Der Kontrast zwischen äußerster Bitterkeit und Saccharinsüße ist streckenweise kaum erträglich, zumal das Ende ganz unerhört versöhnlich ist: Jene, die die Geschichten um den legendären "Bären von geringem Verstand" lieben, sollen doch nicht ganz vor den Kopf gestoßen werden. Doch seine Geburt aus einem viel zu kurzen Glück, das für den echten Christopher Robin zum Fluch wurde, ist eine Geschichte, die im Hundertsechzig-Morgen-Land niemand hören will.

Film: "Goodbye, Christopher Robin". Drama, Großbritannien 2017. Regie: Simon Curtis. Mit Domhnall Gleeson, Margot Robbie, Kelly Macdonald.

Quelle: SN

Aufgerufen am 11.12.2018 um 11:52 auf https://www.sn.at/kultur/kino/goodbye-christopher-robin-pu-der-baer-geboren-aus-tragik-29235592

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