Kino

Jessica Hausner: "Wissenschaftler sollten mehr Horrorfilme sehen"

Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner erkundet in "Little Joe" die Fallstricke wissenschaftlicher Machbarkeit.

Am Samstag feierte bei der Viennale Jessica Hausners stilisierter Science-Fiction-Horror "Little Joe" seine Österreich-Premiere. Darin spielt die britische Schauspielerin Emily Beecham eine Wissenschafterin, die mittels Genmanipulation eine Pflanze geschaffen hat, die glücklich machen soll, und sie ihrem Sohn nach Hause mitbringt - mit Furcht einflößendem Ergebnis.

Emily Beecham sagt, als sie sich auf der Leinwand gesehen habe, sei das für sie überraschend gewesen, denn normalerweise wollen Regisseurinnen von ihr möglichst natürliches Auftreten. Bei Ihnen war das anders - und in Cannes wurde sie dafür als beste Darstellerin ausgezeichnet Jessica Hausner: Ich finde es interessant und mutig von der Jury, ihr den Preis zu verleihen. Grundsätzlich verfolge ich mit meinen Filmen nicht die Strategie, dass sich der Zuschauer mit der Hauptfigur identifiziert, und am Ende möglichst weint. Ich finde es interessanter, den Menschen darzustellen als Spielball der Gesellschaft, in der er lebt. Daher kommt auch diese stilisierte Inszenierung. Mir geht's darum, Strukturen aufzudecken: Wer hat welche Rolle, wer steht in der Hierarchie an welcher Stelle? Daher ist meine Inszenierung eher wie eine Choreografie, mir geht's um Fremdbestimmtheit, nicht darum, wie originell oder authentisch jemand sein kann. Deswegen arbeite ich mit den Schauspielern auch anders. Ich brauche dazu aber Schauspieler, die, obwohl sie genau meinen Anweisungen folgen, trotzdem eigenartig, lebendig und überraschend bleiben.

Die Bühne für diese Choreografie ist eine präzise Ausstattung mit farbintensiven Tableaus. Woher kommt diese visuelle Sprache Ästhetische Stilisierung findet immer statt. Auch Filme, die scheinbar naturalistisch gestaltet sind, sind gestaltet. Mich interessiert eine Gestaltung, die sagt: "Ich bin gestaltet." Ich finde interessant, wenn man als Zuschauerin den Spielraum behält, zu reflektieren, was man sieht. Ich mag es nicht, wenn mir vorgekaut wird, was ich denken soll. Aber wenn sich eine Lücke auftut, in der man sich fragen kann: "Wie ist das jetzt gemeint? Soll ich jetzt lachen oder mich fürchten? Ist es jetzt wahr, dass es diesen Virus gibt, oder verarschen die mich nur?" - dann empfinde ich das als Einbeziehen des Zuschauers in den Diskurs dessen, was ich sagen will.

Ein Sujet des Films ist, wie weit man die Natur manipulieren darf, um sie sich gefügig zu machen. Ob das gut oder schlecht ist, bleibt offen Bei Genmanipulation geht es nicht darum, sich die Natur gefügig zu machen, sondern eher darum, für den Menschen Vorteile zu erfinden, ob medizinische Erfindungen oder landwirtschaftliche Verbesserungen. Aber, und das kommt auch in "Little Joe" vor, es ist auch für Wissenschafter nicht möglich, die negativen Folgen einer Erfindung abzuschätzen. Das ist nicht, weil die faul sind oder kein Verantwortungsgefühl haben, sondern es ist grundsätzlich nicht möglich, Dinge, die man tut, bis zur letzten Konsequenz in der Zukunft durchzudenken. Mein Film ist keine Kritik an der Gentechnik, sondern der Versuch, ein Thema zu zeigen, das zugleich gut und schlecht ist. Das müssen wir aushalten, dass man nicht sagt "Ich bin dafür" oder "Ich bin dagegen", sondern sich mit der schrecklichen Wahrheit auseinandersetzt, dass manchmal nicht einzuschätzen ist, ob eine Sache gut oder schlecht sein wird.

Mitte September wurde bekannt, dass sich in Südamerika genmanipulierte Stechmücken verbreiten. Sie sollten die Mückenpopulation eindämmen, stattdessen gibt es nun besonders widerstandsfähige Mücken. Da fragt man sich: Sehen diese Gentechniker denn nie Horrorfilme Ja, das ist eine gute Idee: Wissenschafter sollten mehr Horrorfilme sehen!

Um diese Fragen zu untersuchen, benutzen Sie auch Horrorfilmelemente. Stand die Lust am Genre am Beginn des Projekts Die Ursprungsidee war tatsächlich, mich an einem Genrethema zu versuchen und es auf unkonventionelle Weise aufzubrechen. Ich schau gerne Filme wie "Invasion der Körperfresser" oder "Der kleine Horrorladen", auch wenn oft die Auflösung fad ist, weil da dann herkömmliche Erklärungen gebracht werden. Aber klar kannst du rückwirkend sagen, hätten sie die Mücke nicht losgelassen, hätten wir jetzt keine Monstermücke. Aber es hätte auch gut gehen können, und dann wären vielleicht Millionen Menschen nicht an Malaria gestorben. Wie wägt man das ab?

Wie realistisch sind die Techniken, die im Film vorkommen Es gab drei Wissenschafter, die sich intensiver mit dem Drehbuch auseinandergesetzt haben, eine Neurologin, ein Humangenetiker und ein Pflanzengenetiker. Ich hab ihnen die Frage gestellt: Wie kann es sein, dass eine Pflanze das menschliche Gehirn beeinflusst und verändert? Wir haben über Pilze und Bakterien und schließlich auch über Viren gesprochen. Viren sind sehr mutationsfähig, und dass ein kleiner Pflanzenvirus, der manchmal für Genmanipulation verwendet wird, zu einem humanpathologischen Virus mutiert, ist zwar nicht wahrscheinlich, aber möglich. Darum ging es mir: Ein Szenario zu erfinden, das möglich ist, bei dem ich als Zuschauerin aber starke Zweifel behalte.

Film: "Little Joe". Horror, Österreich/Deutschland/Großbritannien 2019. Regie: Jessica Hausner. Ab Freitag im Kino.

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