Kino

"La Vérité - Leben und lügen lassen": Eine Diva, eine Tochter und ein ewiger Konflikt

Catherine Deneuve und Juliette Binoche spielen im neuen Film von Regiestar Hirokazu Koreeda mit familiären Lügen und Wahrheiten.

Sie ist eine lebende Legende, die wie eine Königin unter ihren Bewunderern regiert. Nun hat Schauspieldiva Fabienne (gespielt von Catherine Deneuve) ihre Memoiren publiziert, und ihre Tochter (Juliette Binoche) kommt aus diesem Anlass mit ihrem amerikanischen Ehemann (Ethan Hawke) nach Paris angereist: "La Vérité - Leben und lügen lassen" ist der erste europäische Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Koreeda, der vor zwei Jahren für das Familiendrama "Shoplifters" die Goldene Palme in Cannes gewonnen hatte.

Koreedas neuer Film befasst sich wieder mit Familienkonstellationen, mit Wahl- und Blutsverwandtschaft, und lotet alte Konflikte und verschwiegene Wahrheiten zwischen Mutter und Tochter aus, wie der Regisseur im Interview beim Filmfestival in San Sebastian erzählt.

Die Begegnung mit Juliette Binoche war ja ausschlaggebend für dieses Projekt. Wie ist der Film entstanden? Hirokazu Koreeda: Ich habe vor vielen Jahren ein Theaterstück geschrieben, da ging es um eine alternde Schauspieldiva, die über alle anderen schlecht redet und sich nach den guten alten Zeiten zurücksehnt. Einige Jahre später habe ich dann Juliette Binoche kennengelernt, die mir gesagt hat, dass sie gerne einmal einen Film mit mir machen würde. Als ich darüber nachdachte, fiel mir wieder das alte Theaterstück ein, und ich hatte die Idee, die Geschichte zu ändern, sodass es um eine Mutter geht, die Schauspielerin ist, und eine Tochter, der diese Laufbahn verschlossen bleibt.

Und als ich das dann umschrieb, fiel mir ein, dass es in Frankreich ja Catherine Deneuve gibt!

Mussten Sie etwas Grundlegendes an den Konstellationen ändern, um diesen Film französisch zu machen? "La Vérité" erinnert sehr an französische Gesellschaftskomödien. Wäre das sehr anders gewesen, hätten Sie diesen Film in Japan inszeniert? Es gibt schon einen großen Unterschied, und zwar was die Beziehungen innerhalb der Familie betrifft. In einer japanischen Familie ist es normal zu schweigen, da wird nicht viel diskutiert, da schauen die Leute nur oder verlassen das Haus oder so. Im Fall einer französischen Familie werden Probleme viel offensiver diskutiert. Diese unterschiedlichen Familienbeziehungen sind schon sehr spezifisch unterschiedlich in diesen beiden Ländern, nach meinem Empfinden.

Was hat Sie an diesem europäischen Abenteuer besonders interessiert? Mir hat der Dreh viel Freude gemacht, aber die Dreharbeiten mit französischen und amerikanischen Darstellerinnen und Darstellern war natürlich eine Herausforderung für mich. Letztlich waren Ethan Hawke und ich fast in derselben Lage, wir sprechen beide nicht Französisch, also hatten wir beide Verständnisprobleme. Aber mir ist etwas klar geworden: Wenn man einen Film gemeinsam dreht, ist es nicht wichtig, dieselbe Sprache zu sprechen, sondern dieselbe Vision dessen zu haben, was der Film sein soll. So waren die Sprachdifferenzen nicht wirklich ein Problem.

Das Grundthema komplizierter, zerbrochener Familien und Wahlfamilien kehrt in Ihren Filmen immer wieder, erstmals haben Sie es nun in einem neuen kulturellen Kontext untersucht. Hat das Ihre Perspektive verändert? Nun, in "Unsere kleine Schwester" (2015) und in "Shoplifters" (2018) haben wir von Familien erzählt, in denen Blutsverwandtschaft keine Rolle spielt. Diesmal geht es schon um eine Mutter und ihre leibliche Tochter, insofern ist es ein wenig anders. Ich weiß nicht wirklich, ob das meine Sichtweise auf die Familie verändert hat und ob die Erfahrung dieses Films meine Sichtweise in Zukunft verändert hat. Das werden meine nächsten Filme zeigen.

In "La Vérité" porträtieren Sie Menschen, die den Schauspielberuf ausüben, sehr hart. Mögen Sie Schauspielerinnen überhaupt? Ich muss sagen, Schauspielerinnen interessieren mich. Juliette Binoche hat zu mir gesagt: "Schauspielen bedeutet nicht zu lügen. Schauspielen heißt, Lügen einen neuen Charakter zu verleihen, und dadurch wird es eine Wahrheit." Das hat mir gefallen.

Film: "La Vérité - Leben und lügen lassen", Frankreich, Japan 2019.
Regie: Hirokazu Koreeda. Mit:
Catherine Deneuve, Juliette
Binoche, Ludivine Sagnier, Ethan Hawke, Manon Clavel. Start: 6. 3.

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