Kino

Satire "Der Schein trügt" im Kino: Wenn der Heiligenschein drückt

Die schwarze Satire "Der Schein trügt" ist ein grotesker Episodenfilm über Verlogenheit und Glauben.

Eines Morgens im Sommer 1993, unmittelbar nach dem Zerfall Jugoslawiens, wacht der brave Ehemann und loyale Kommunist Stojan (gespielt von Goran Navojec) mit einem Heiligenschein auf. Nichts könnte schlimmer sein, denn auch wenn der Kommunismus nicht mehr opportun ist, so ein Heiligenschein ist doch etwas peinlich.

Doch weder Waschmittel noch das absichtliche Begehen von Sünden helfen, obwohl Stojan auf den Rat seiner Frau hin alles versucht: Völlerei, Neid, Wollust, alles umsonst. Bis er irgendwann nachgibt: dann eben hemmungslos sündigen, denn solange Stojan aussieht wie ein Heiliger, wird ihm alles nachgesehen.

Die Geschichte von Stojan ist die erste von drei Episoden, die der serbische Regisseur, Politaktivist und einstige Psychologe Srdjan Dragojević auf Basis von drei Kurzgeschichten des französischen Autors und Satirikers Marcel Aymé geschrieben und inszeniert hat.

Dragojević holt die Erzählungen aus dem Frankreich der Dreißigerjahre ins Jugoslawien beziehungsweise Serbien der jüngeren Vergangenheit und nahen Zukunft. In der zweiten Episode aus dem September 2001 ist Stojan nur eine Nebenfigur, im Zentrum steht der schizophrene Künstler Gojko (Bojan Navojec), der wegen eines angeblichen Doppelmords zum Tod verurteilt wird. Gefängnisdirektor ist der inzwischen ultrabrutale, im Krieg wohl nicht unschuldig gebliebene Stojan, der den Nimbus des heiligen Mannes für seine Karriere genutzt hat. Schon marschiert das Erschießungskommando auf, da hat die von Gojko angerufene heilige Petka im letzten Moment ein Einsehen. Gojko muss nämlich bis zur dritten Episode überleben, in der seine Kunst entdeckt wird. Gojkos Bilder sind nicht nur Seelennahrung, sondern sättigen tatsächlich beim bloßen Hinschauen. Doch derlei Wunder laufen der kapitalistischen Logik des Staates zuwider.

"Der Schein trügt" ist ein grotesker Film von nur scheinbar unkontrollierter Fabulierlust. Unter all den hinterlistigen Witzen vergraben ist ein überraschend klarsichtiger Befund zur gesellschaftlichen Instrumentalisierung religiöser Folklore, zu neoliberaler Gnadenlosigkeit und zwischenmenschlicher Eiseskälte im Postsozialismus.

Film:Der Schein trügt. Satire, Serbien, Deutschland, Nordmazedonien, Montenegro, Slowenien 2021. Regie: Srdjan Dragojević. Mit Goran Navojec, Ksenija Marinković. Start: 21. 1.

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