Kino

Tom Schilling im SN-Interview: "Ich kann mit Musik besser erzählen"

Corinna Harfouch und Tom Schilling spielen in "Lara" ein toxisches Mutter-Sohn-Duo.

Corinna Harfouch spielt die Titelfigur Lara SN/studiocanal
Corinna Harfouch spielt die Titelfigur Lara

Mit "Lara" legt Jan-Ole Gerster nach dem sehr erfolgreichen Berlinfilm "Oh Boy" seine zweite Arbeit vor: Corinna Harfouch spielt die verbissene Beamtin und einstige Klavierhoffnung Lara Jenkins, die gerade sechzig Jahre alt geworden ist. Am Abend dieses Tages hat ihr Sohn Victor (Tom Schilling) das wichtigste Konzert seiner Karriere. Sie ist maßlos stolz, und zugleich voller Angst: "Lara" ist ein wahrhaftiger, kluger Film voll bitterem Humor und voller Einsichten über innerfamiliäre Repression und ihre Weitergabe und über den Witz, der sich daraus für Außenstehende ergibt. "Diesen Kreislauf zu durchbrechen ist total schwierig", sagt Tom Schilling im SN-Interview.

Victor Jenkins steht in "Lara" vor dem Problem, dass ihm das Interpretsein als Pianisten nicht reicht, er muss Komponist sein, um sich auszudrücken. Ist das eine künstlerische Frage, die sich Ihnen als Schauspieler und Interpreten fremder Texte auch stellt? Tom Schilling: Nun, ich mach das ja schon, ich hab ja eine Band, und 2017 eine Platte rausgebracht, die ich selbst geschrieben habe, ein sehr persönliches Singer-Songwriter-Album. Bei mir ist es die Musik, über die ich selbst Urheber bin, Komponist und Texter zugleich. Ich hab keine Ambition, einen Film zu drehen, ich kann das, was ich erzählen möchte, viel besser durch Musik machen, durch Lieder. Ich bin ein großer Fan der Platten von André Heller, um einen Österreicher zu nennen, es ist gar nicht so weit davon weg, eigentlich Kurzgeschichten, wie sie André Heller in seinen Liedern auch erzählt hat.

Im Kern handelt "Lara" davon, wie eine Mutter, die einst ein misshandeltes Kind war, ihre Ängste an ihren Sohn weitergibt. Es ist dieses "Du bist nie gut genug", das aus einer schwarzen Nazipädagogik stammt, oder Ja, das ist auch für mich das zentrale Thema des Films, auch für meine Figur Victor: diese Krankheit und das Unglück, das sich von Generation zu Generation weitervererbt, der Perfektionsgedanke und der Zwang, seinen Selbstwert über berufliche Erfolge zu generieren. Diesen Kreislauf zu durchbrechen ist total schwierig. Wann er begonnen hat, weiß ich nicht, das müsste man richtig erforschen. Michael Haneke hat mit "Das weiße Band" einen tollen Film gemacht über diese protestantische Erziehung, die so zwanghafte Menschen hervorgebracht hat.

Diese Form der psychischen Gewalt funktioniert auch im katholischen Österreich ganz hervorragend Dazu kommt das Tragische, dass derjenige, der diese psychische Gewalt ausübt, das gar nicht so empfindet. Aus Laras Perspektive, ihre eigenen Traumata beiseitegelassen, möchte sie ihren Sohn ja beschützen. Das ist die DNS dieser Denke, das, was mit Leuten passiert, die so konditioniert sind. Lara will ihren Sohn nur vor der Niederlage beschützen, weil sie solche Demut vor der Kunst hat und weil sie ihren Sohn nicht scheitern sehen möchte.

Wenn man selbst Kinder hat, beginnt man mehr darüber nachzudenken, was man denen mitgibt, womöglich auch unbewusst. Ist das etwas, das Sie auch beschäftigt Doch, aber ich spreche in Interviews ungern über meine Kinder. Trotzdem muss ich sagen, das ist aber auch für mich ein wichtiges Thema, dem ich mich aber eher in Liedern nähern kann, und die sind dann auch für die Öffentlichkeit. Konkret mache ich das nicht in Interviews, sondern lieber mit meinem Therapeuten.

"Lara" war die zweite Zusammenarbeit mit Jan-Ole Gerster nach "Oh Boy" 2012, für den Sie ein wenig Pate gestanden sind. War's gut? Ja, es ging diesmal wahnsinnig schnell vorbei, ich hatte nur fünf Drehtage für den Film, auch wenn ich dafür fünf Monate Klavier geübt habe. Aber es war schön, und ich würd gern wieder einen längeren Film mit ihm drehen, einen, wo ich im Zentrum stehe. "Oh Boy" war damals für uns beide ein wichtiger Teil, für alles, was danach gekommen ist. Für ihn sowieso, weil es war sein erster Film, und wenn der nicht gut ist, hat man's echt schwer. Das jetzt ist erst der zweite Film.

Corinna Harfouch, Tom Schilling SN/studiocanal
Corinna Harfouch, Tom Schilling

Was kommt bei Ihnen nun als Nächstes, abgesehen von der Arbeit mit der Band? Das ist schon ganz schön viel, ich arbeite grad an einer neuen Platte und hatte jetzt eine gute Schreibepisode, in der ich übrigens viel André Heller gehört habe, diese alten Sachen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, das muss jetzt arrangiert werden, dann gehen wir auf Tour und üben für das neue Album. Und dann dreh ich noch einen Film mit Dominik Graf, der macht eine Verfilmung eines Buchs von Erich Kästner, "Fabian oder Der Gang vor die Hunde".

Film: "Lara". Drama, Deutschland 2019. Regie: Jan-Ole Gerster.

Ab Freitag im Kino.

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