Kino

"Und der Zukunft zugewandt": Eine Geschichte aus der DDR, die in Nachwende-Erzählungen fehlt

Eine Kommunistin wird fälschlich der Spionage bezichtigt und landet im Gulag. Darüber berichten darf sie nie. Der Film "Und der Zukunft zugewandt" erzählt eine Leidensgeschichte, wie sie auch 30 Jahre nach dem Mauerfall selten zu hören ist.

Antonia Berger ist als junge Frau überzeugte Kommunistin, damals in den Dreißigerjahren. Dann wird sie in Moskau verhaftet, fälschlich der Spionage angeklagt und über zehn Jahre in einem sibirischen Arbeitslager zum Schuften gezwungen, gemeinsam mit ihrem Ehemann, der irgendwann wegen einer Nichtigkeit erschossen wird.

Daheim in der DDR gelten die Sowjets als die unfehlbaren Retter, während im Westen die Nazis an den Hebeln sitzen. Irgendwann hat dann doch jemand ein Einsehen, die unschuldig Verhaftete mitsamt der im Gulag geborenen Tochter heimzuholen in das junge kommunistische Land. 1952 kehrt sie zurück und wird aufgefangen vom sozialistischen Staat: Sie bekommt ärztliche Versorgung für ihr Kind, eine modern eingerichtete Wohnung und eine angesehene Stelle am Theater. Doch Aufarbeitung gibt es keine. Antonia muss unterschreiben, dass sie nicht darüber reden wird, was ihr passiert ist, "erst später". Aber dieses später kommt nie.

Antonia Berger ist erfunden, ihre Geschichte ist es nicht: Die Schauspielerin Swetlana Schönfeld, im Film in der Rolle von Antonias wortkarger Mutter zu sehen, wurde 1951 im Gulag geboren, ihre Herkunft musste bis zur Wende ein Geheimnis bleiben.

Regisseur Bernd Böhlich, der in der DDR aufgewachsen ist und dort sein Regiestudium absolviert hat, erzählt in "Und der Zukunft zugewandt" ihre Geschichte nach. Das wirkt fernsehfilmhaft, doch die Figur der Antonia Berger - gespielt von Alexandra Maria Lara - ist eine, wie sie in der Nachwendeerzählung der DDR kaum vorkommt: Sie ist tatsächlich auch aus Überzeugung bereit, ihre Vergangenheit und ihre Traumata zu verschweigen, aus Staatsräson, "sonst wäre ja alles umsonst gewesen", wenn an die fehlerfreie Sowjetunion nicht mehr zu glauben sei.
Film: "Und der Zukunft zugewandt". Drama, Deutschland 2019. Regie: Bernd Böhlich. Mit Alexandra Maria Lara. Ab Donnerstag im Kino.

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