Kultur

Kleiner Mann im Größenwahn: "Klein Zaches" im Volkstheater

Ein unsympathischer kleiner Mann legt in einem vermeintlich vernünftigen Land mit Hilfe von Zauberei einen steilen Aufstieg hin - das gelang "Klein Zaches" am Sonntagabend am Wiener Volkstheater vor allem wegen der äußerst ideen- und trickreichen Inszenierung eindrucksvoll. Unter der Regie von Victor Bodo erntete der erstaunliche märchenhaft-skurrile Theaterabend bei der Uraufführung viel Applaus.

Gabor Biedermann (re.) spielt Zaches.  SN/APA (Neubauer)/HERBERT NEUBAUER
Gabor Biedermann (re.) spielt Zaches.

In einem Kleinstaat wird die Aufklärung ausgerufen - die Vernunft soll überall einkehren. Logischerweise ist dann kein Platz mehr für allerlei Zauberwesen. Die unsanft Ausgewiesenen sind darüber natürlich nicht erfreut, was zur Folge hat, dass die Fee Rosabelverde (Anja Herden) mit dem missgestalteten Kind namens Klein Zaches bzw. Zinnober (Gabor Biedermann) eine Art Schläfer in Stellung bringt, der 20 Jahre später das politische System stören soll. Das ist der Ausgangspunkt für das Kunstmärchen "Klein Zaches, genannt Zinnober" von E.T.A. Hoffmann aus dem Jahr 1819, das nun der ungarische Autor Peter Karpati als Vorlage für sein groteskes Stück genommen hat.

Unterstützt durch einen in Biedermanns punkigen roten Haaren angesiedelten Zauber macht sich Zinnober ans Unruhestiften. Mit der Magie im Schopf gelingt es ihm trotz plumper Vorgehensweise rasch Hierarchien umzudrehen. Die Spitzen des korrupten Staates, samt Staatssekretärin (Claudia Sabitzer), Minister (Thomas Frank) und Großfürst (Jan Thümer) sowie der Wissenschafter Mosch Terpin (Stefan Suske) und dessen bildhübsche Tochter Candida (Evi Kehrstephan) liegen ihm bald zu Füßen. Zinnober wird alles verziehen und richtige Schweinereien sogar bejubelt.

Nur der in Candida verliebte, von Christoph Rothenbuchner stellenweise akrobatisch verkörperte Student Balthasar lässt sich nicht täuschen und wähnt sich immer mehr im falschen Film. Zusammen mit einem verkappten Magier (Günter Franzmeier) holt Balthasar zum Gegenschlag aus.

Zwar liegt in dem etwas austauschbaren, eben märchenhaften Plot rund um den Aufstieg eines Ungustls in einem mit viel Einfalt geschlagenen Umfeld vor allem in Zeiten von Donald Trump und Co gesellschaftspolitische Brisanz, der Reiz des Stücks geht jedoch nicht unbedingt von der Politsatire aus. Vielmehr ist es das vor Ideen sprühende Bühnengeschehen, das in Bodos Inszenierung Staunen verursacht.

Im Kontrast zur Handlung tun sich auf und rund um die von Lörinc Boros gestaltete Drehbühne ganz andere Perspektiven auf. Eine wichtige Rolle spielt dabei die omnipräsente Kamera von Pablo Leiva, die dem Spiel des überzeugenden und einsatzfreudigen Ensemble eine zusätzliche Dimension verleiht. In der simultan auf eine Leinwand über der Bühne projizierten Direktübertragung kommen die stilisieren "Spezialeffekte", Akrobatikeinlagen und abenteuerlichen Perspektivenwechsel eindrucksvoll zur Geltung.

Trotz des manchmal sehr turbulenten Geschehens und wilder Kamerafahrten räumt Bodo in seiner aufwendigen und fordernden Inszenierung dem Publikum geschickt die Möglichkeit ein, den Überblick zu behalten. Bei all dem stellenweise schon ausufernden Einfallsreichtum ergänzen einander der herkömmliche Blick aus dem Zuschauerraum und die zweite Perspektive durch die Kamera. Im Zusammenspiel mit den teilweise bizarren Kostümen von Fruzsina Nagy und der unter der Leitung von Klaus von Heydenaber großteils live eingespielten Musik entsteht in Echtzeit ein im Stil von Terry Gilliam oder Tim Burton gehaltener, überdrehter Fantasyfilm.

Quelle: APA

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