Kultur

Klopapier und wahre Liebe

"Wedding Doll" erzählt vom Ringen einer jungen Frau um Autonomie.

Mit sachten Pinseltupfern, behutsamer Schere, vorsichtigen Fingerspitzen bastelt sie zarte kleine Puppen im Brautkleid, aus Klopapier, Kleber und großer Sehnsucht: Die 24-jährige Hagit (Moran Rosenblatt) lebt in dem israelischen Film "Wedding Doll" (ab Freitag im Kino) bei ihrer Mutter Sara, die alles für die Tochter aufgegeben hat. Denn Hagit hat eine leichte geistige Behinderung, kann nicht allein bleiben, und Sara fühlt sich schuldig. Jeden Morgen bringt sie ihre schöne Tochter zur Arbeit in die kleine Klopapierfabrik, obwohl Hagit unbedingt selbst fahren will. Hagit ist nämlich in den gut aussehenden Omri verliebt und will ihn heiraten.

Möglicherweise ist ein Gleichnis hineinzulesen in Hagits Geschichte, wie das israelischen Filmen gern passiert, eines von Verantwortung und Autonomie und Inklusion.

Wahrscheinlicher aber ist dieser anrührende Film einfach nur das Drama einer jungen Frau, die wegen einer frühkindlichen Kopfverletzung eine Lernschwäche hat und deren Heiratspläne daher von niemandem ernst genommen werden. Dabei ist Omri ihr tatsächlich sehr zugeneigt, diesem Lächeln, der ernsten Verspieltheit, der unverstellten Zugewandtheit dieser Frau. Aber vor Freunden schämt er sich. Und ist es überhaupt möglich, mit einer Frau, die im Kopf vielleicht nicht richtig erwachsen werden kann, eine erotische Beziehung zu führen? Ist das nicht Missbrauch?

"Wedding Doll" lässt diese Fragen weg, zugunsten einer märchenhaften, fast traumartigen Qualität. Regisseur Nitzan Gilady packt alles an Teenager-Ängsten von Nichtgenügen und Ausgelachtwerden in die Figur der strahlend schönen Hagit, deren überwältigendes Lächeln so nah an grenzenloser Traurigkeit liegt, dass es einem das Herz bricht: "Wedding Doll" ist ein zarter, wuchtiger Film in berückenden Bildern, über eine fröhliche Prinzessin, deren Prinz nicht mutig genug ist, am Rande der Wüste Negev, in einer kleinen Klopapierfabrik.

Kino:Wedding Doll. Israel 2015. Regie: Nitzan Gilady. Mit Moran Rosenblatt, Assi Levy, Roy Assaf.

Quelle: SN

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