Kultur

Kulturkampf um Brüsseler Kunstmuseum spitzt sich zu

An Museen fehlt es in Brüssel nicht. Fans von Tim und Struppi werden mit dem Comiczentrum bedient, Designliebhaber mit dem ADAM. Nach einem staatlichen Museum für moderne und zeitgenössische Kunst sucht man in Belgiens Hauptstadt seit 2011 jedoch vergeblich. Es musste dem 2013 eröffneten Museum "Fin-de-Siecle" weichen, das Werke aus der Glanzzeit Brüssels als Jugendstil-Metropole vereint.

Brüssel weihnachtlich illuminiert.  SN/sn
Brüssel weihnachtlich illuminiert.

Seitdem schlummert der Großteil der staatlichen Sammlung des 20. und 21. Jahrhunderts im Depot. "Es ist höchste Zeit, dass die Staatsbürger dieses Landes und Europas wieder in den Genuss der Sammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst kommen", fordert die Vereinigung "Musee sans musee" auf ihrer Internetseite. Das Kollektiv aus Künstlern und Kulturschaffenden ist 2011 entstanden. Seitdem protestiert es mit Petitionen und Protestmärschen gegen die Schließung.

Bis Anfang Februar 2011 befand sich das staatliche Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in dem riesigen Baukomplex der Musees royaux des Beaux-Arts de Belgique, den Königlichen Museen der Schönen Künste. In ihm werden die rund 20.000 Werke umfassenden Gemälde- und Skulpturensammlungen des belgischen Staates in verschiedenen Museen aufbewahrt und präsentiert. Neben dem Museum für Alte Kunst hat dort auch das Rene Magritte-Museum seine Adresse. 

Er habe eine Museumsmeile schaffen wollen, sagte Michel Draguet der dpa. Die Gründung des "Fin-de-Siecle"-Museums sei der erste Schritt gewesen, der zweite hätte die Wiedereröffnung des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst sein sollen. Draguet ist seit 1989 Direktor der Königlichen Museen. Auf ihn geht auch die Schaffung des Magritte-Museums im Jahr 2009 zurück.

Alles sei genau geplant gewesen, rechtfertigt sich Draguet. Das Museum sollte in das nur wenige Meter weit entfernte Gebäude Vanderborght unweit des Grande-Place ziehen. Das Projekt fand die Zustimmung der Stadt Brüssel und der damaligen Regierung. Die einen wollten das Gebäude zur Verfügung stellen, die anderen die im Depot aufbewahrte Sammlung des belgischen Staates.

Ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst sei für die kulturelle Attraktivität und den Tourismus in Brüssel unerlässlich, verkündete im März 2014 die Kulturbeauftragte der Stadt Brüssel, Karine Lalieux, noch zuversichtlich. Doch im Mai 2014 fanden Parlamentswahlen statt, in deren Folge Belgien von Links nach Mitte-Rechts rutschte.

Mit dem Regierungswechsel platzte auch das Projekt. Denn Elke Sleurs, Staatssekretärin für Wissenschaftspolitik und Großstädte und Politikerin der separatistischen Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie, sprach sich gegen den geplanten Umzug der staatlichen Sammlung aus. Damit blieb die Stadt Brüssel auf einem für 4 Millionen Euro gekauftem Gebäude sitzen - und die Sammlung weiterhin im Keller.

"Darf man noch an ein großes Museum glauben?" fragten sich Belgiens Medien als auf einmal die Region Brüssel mit einem neuen Projekt auftauchte. Die Region hatte für mehr als 20 Mio. Euro die rund 40.000 Quadratmeter große "Garage Citroen" erworben, mit dem Ziel, aus den Werkstätten des französischen Automobilherstellers ein Kunstzentrum zu machen. Eine Garage sei kein Museum, schloss Sleurs die Debatte. Die Staatssekretärin will das Museum wieder dorthin zurück, wo es ursprünglich war: im Gebäudekomplex der Musees royaux des Beaux-Arts.  

In dem Ciroen-Gebäude wird nun das Pariser Centre Pompidou bis spätestens 2020 seine neue Dependance eröffnen. Das Abkommen zwischen dem französischen Museum - es besitzt rund 120.000 Werke aus den Jahren zwischen 1905 und 2016 - und der Region Brüssel wurde vor Kurzem unterschrieben.

Er könne der Region zu diesem Projekt nur gratulieren, erklärte Draguet. Was nun mit den belgischen Surrealisten und den anderen Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts passiere? Diese Frage sei offensichtlich zu einem Kulturkampf geworden, antwortete der Kunsthistoriker. Laut Informationen der belgischen Tageszeitung "L'Echo" will Draguet nun gerichtlich gegen Sleurs vorgehen. Er soll wegen Behinderung der Amtsausübung Anzeige erstattet haben.

Quelle: Apa/Dpa

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