Kunst

"A War" im Kino: Dilemma an der Front

Eine tödliche Mission in Afghanistan bringt einen Soldaten und Familienvater vor Gericht: Der Film "A War" zeigt Folgen von Kriegseinsätzen.

Beim Festival "Crossing Europe" in Linz werden auch heuer wieder sechs parallele Eröffnungsfilme als Stellvertreter für europäische Filmvielfalt gezeigt. Einer davon ist "A War", ein dänischer Antikriegsfilm unter der Regie von Tobias Lindholm: Darin spielt "Game of Thrones"-Star Pilou Asbaek einen dänischen Offizier im Afghanistan-Einsatz, der bei einem Angriff eine Entscheidung trifft, die einem Kameraden das Leben rettet, aber afghanische Zivilisten tötet. Der Film, der am Freitag auch regulär in den Kinos startet, stellt die Frage, wie Soldaten mit der Verantwortung an der Front umgehen, und wie Kriegserlebnisse mit einem zivilen Leben mit Geschichtenvorlesen an Kinderbetten zusammengehen.

SN: Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Film gekommen?
Tobias Lindholm: 2012 habe ich von einem englischen Offizier gelesen, der zum zweiten oder dritten Mal nach Afghanistan zurückkehren sollte. Und er sagte, dass er weniger Angst habe, im Krieg getötet zu werden, als davor, daheim gerichtlich verfolgt zu werden, weil die Regeln im Einsatz so komplex sind.

Das war mein Ausgangspunkt: Ich wollte verstehen, was wir da eigentlich erwarten von diesen Soldatinnen und Soldaten, die wir hinausschicken in eine Realität, an der wir politisch entschieden haben, teilzunehmen.

Später lernte ich dann später zufällig einen Soldaten kennen, bei einer Hochzeit an der Bar, da passieren immer die besten Sachen. Er und seine Freunde haben mir viel von der Wirklichkeit dieses Berufs erzählt. Und dann hab ich den Staatsanwalt kontaktiert, der Fälle wie diesen untersucht, und habe mir von ihm seinen gefürchtetsten Gegner vor Gericht empfehlen lassen. Im Gepräch mit diesen beiden kam das Projekt in Gang. Ich wollte, dass die Zuschauer die Situation dieses Soldaten verstehen, bevor ein Kriegsverbrechen passiert. Und ich wollte, dass wir an ihm zu zweifeln beginnen, und die Konsequenzen seines Handelns verstehen.

SN: Dieser Soldat, den Pilou Asbæk spielt, ist etwa in Ihrem Alter, er ist Vater wie Sie. Ist Ihnen der sehr nahe?
Ich finde mich eher in seiner Frau wieder. Bei uns bin ich derjenige, der bei den Kindern ist, während meine Frau beruflich unterwegs ist. Ich bin also die meiste Zeit daheim, und auch das kann sich anfühlen wie ein Kriegsgebiet. Ich habe drei Söhne, und immer wieder haut da einer den anderen, bis einer blutet. Und klar muss ich dann alle drei ins Spital mitnehmen, wenn einer sich wehgetan hat, so eine Szene kommt ja auch im Film vor. Innerhalb meines privilegierten Lebens im sicheren Dänemark ist das kein Drama, aber im Kontext einer Familie, deren Vater im Krieg ist, verdeutlicht das den Druck, den auch die Daheimgebliebenen erleben.

SN: Sie haben für Thomas Vinterberg das Drehbuch zu "Die Jagd" geschrieben über einen Kindergärtner, der als pädophil verdächtigt wird. Hier geht es um einen Soldaten, der möglicherweise ein Kriegsverbrechen begangen hat. Haben Sie eine Schwäche für unpopuläre Standpunkte?
Im Grunde geht es mir immer darum, das Unmenschliche menschlich zu machen. Ich will versuchen, jene Menschen zu verstehen, die sonst sehr leicht dämonisiert werden. Und es wäre doch ignorant von mir, eine solche Geschichte aus der Sicht eines afghanischen Flüchtlings zu erzählen. Dessen Erlebnisse kann ich zwar versuchen, intellektuell zu verstehen, aber emotional kann ich das nicht kapieren.

Ich war noch nie so verzweifelt, mein Leben für eine Flucht zu riskieren. Ich musste meine Kinder noch nie hungernd einschlafen sehe. Die politische Wahrheit ist doch: Ich bin blond, ein Mann, gesund und groß gewachsen, ich bin heterosexuell - ich bin in so vielerlei Hinsicht ein Typ, den niemand jagt. Und es gibt auf dieser Welt so viele Menschen, die bedroht sind. In Dänemark gibt es so viel Rassismus, so viel Homophobie. Ich befinde mich in einer sehr geschützten Position, und ich sehe es als meine Verantwortung, Geschichten über Menschen zu erzählen, die weniger privilegiert sind.

SN: Wie war es, diese Szenen im Krieg zu inszenieren, wenn Sie doch auch das nie erlebt haben?
Stimmt, das habe ich nicht. Aber ich kann wenigstens eine Verbindung herstellen zu diesen Typen, die im Krieg gekämpft haben. Die sind aus meiner Generation, die sind auch in Dänemark aufgewachsen. Und die meisten Soldaten im Film sind professionelle Soldaten. Für die Hauptrollen hatte ich natürlich Schauspieler, deren Aufgabe ist es, Gefühle glaubwürdig zu vermitteln. Aber die Soldaten im Film tun ihren Job: Die haben diese Art von Situation dutzende Male erlebt, sie wissen damit umzugehen. Und sie haben mich überrascht: Ich dachte, sie würden viel cooler bleiben, sie würden sich selbst heldenhaft darstellen wollen. Aber im Grunde haben sie Angst. Sie wissen, wie sich echte Lebensgefahr anfühlt. Und das haben sie zum Film mitgebracht, dazu hätte ich sonst keinen Zugang gehabt.

SN: Haben Sie trotzdem versucht, auch eine afghanische Sichtweise in den Film zu holen?
Alle Afghanen im Film sind Flüchtlinge, die aus genau diesem Krieg entkommen sind. Das war mir wichtig, obwohl ich dadurch in eine heikle Situation gekommen bin: Einer hat mir nach dem Casting erzählt, dass er auf Seite der Taliban gekämpft hatte. Im Film würde der Typ natürlich brillant sein, aber was würden die dänischen Soldaten sagen, wenn ich einen Ex-Taliban mitbringe? Die Sache ist die: Aus meiner Perspektive ist das ein Talibankrieger, aber aus seiner Sicht hat er halt mit 16 Jahren die Russen bekämpft. Er wusste, wie das geht, und er konnte damit seine Familie versorgen, weil er von den Taliban bezahlt wurde fürs Kämpfen. Und sobald er die Gelegenheit hatte, floh er mit seiner Familie, um alle zu retten. Diese Komplexität ist notwendig zu wissen. Die dänischen Soldaten haben jedenfalls eingewilligt, ihn zu treffen, und am Ende haben wir gemeinsam drei Monate in der türkischen Wüste gedreht. Für manche der Soldaten waren die Gespräche mit ihm sogar therapeutisch. Einer sagte mir, dass dieser Taliban ihn besser verstehen könnte als ich, weil ich ja nicht Teil dieses Krieges war.

Film: A War. Drama. Dänemark 2015. Regie: Tobias Lindholm. Mit Pilou Pilou Asbæk, Søren Malling. Start: 22. 4.

Quelle: SN

Aufgerufen am 23.10.2018 um 12:08 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/a-war-im-kino-dilemma-an-der-front-1549873

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