Kunst

Als Salzburg die Zeit einholte

Suche nach der Moderne. Vom Mönchsberg aus lässt sich eine Stadt im Spannungsfeld zwischen Aufbruch und Tradition betrachten.

Als Salzburg die Zeit einholte SN/APA/BARBARA GINDL
Museums-Direktorin Sabine Breitwieser.

Ihr romantisches Image als schöne Stadt, umgeben von idyllischer Natur, hatte Salzburg längst. Mitte des 19. Jahrhunderts sollte es auch eine Umsteigemöglichkeit in Richtung Moderne erhalten. Der Eisenbahnanschluss brachte erstmals eine rasche Anbindung an Metropolen.

In Salzburg aber gingen die Uhren anders als im wenige Zugstunden entfernten Wien. "Wer hier ausstieg, musste die Uhr erst einmal um 13 Minuten zurückstellen", erzählt Sabine Breitwieser. Mit einem verlangsamten Zeitgeist hatte das freilich nichts zu tun, sondern mit dem Umstand, dass es bis 1893 noch keine mitteleuropäische Einheitszeit gab. Als Symbol für eine Rückwärtsgewandtheit Salzburgs taugt die Uhrenanekdote deshalb nur bedingt. Mit der neuen Bahn, erläutert die Direktorin des Museums der Moderne, seien im Gegenteil manche innovativen Strömungen nach Salzburg gerauscht. "Die Pioniere der Psychoanalyse etwa hielten 1908 ihren ersten Kongress unter dem Vorsitz Sigmund Freuds im Hotel Bristol ab." Und 1922 reiste die musikalische Avantgarde an: Im Beisein von Komponisten wie Anton Webern und Béla Bartók wurde im Café Bazar die Internationale Gesellschaft für Neue Musik gegründet - ein weiteres Beispiel für Aufbrüche in einer gern als "antimodern" etikettierten Stadt.

In der großen Sommerschau des Museums der Moderne Salzburg wird dieser Begriff seziert: Unter dem Titel "Anti:modern" sind auf dem Mönchsberg Beispiele für beide Seiten eines spannungsreichen Themas zu sehen. Die Schau steht auch im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr Salzburg 20.16.

Den Blick richten Breitwieser und ihr Kuratorenteam dabei nicht nur auf Kunst. "Der Begriff der Moderne steht für Fortschritt und Aufbruch in allen gesellschaftlichen Bereichen. In der Ausstellung haben wir daher einen multidisziplinären Ansatz verfolgt." Neben zeitgenössischen Werken von Gerhard Richter und Hans Haacke sei auch historischen und wissenschaftlichen Dokumenten viel Raum gewidmet. Auf der Suche nach Exponaten wurde Breitwieser zudem im Festspielbezirk fündig.

Die Gobelins, die Künstler wie Anton Kolig für die einstigen Tribünen im alten Festspielhaus gestalteten und die nun in der "Salzburg-Kulisse" hängen, übersiedeln von der Festspiel-VIP-Lounge vorübergehend ins Museum der Moderne Salzburg.

Für welche Seite der Moderne-Debatte die Leihgaben stehen? "Die Gründung der Festspiele fand 1920 nicht unter den Zeichen einer Avantgarde statt. Man wollte im barocken Salzburg Kontrapunkte zum avantgardistischen Berlin setzen", sagt Breitwieser. Im Ausstellungskonzept gehe es aber nicht um ein Ausspielen des Begriffspaares modern oder antimodern. An den Exponaten lasse sich vielmehr "das Spannungsfeld zwischen Moderne und Antimoderne phänomenologisch beleuchten".

Um Feminismus und Salzburger Forschungspioniere gehe es in den Ausstellungskapiteln ebenso wie um die Bücherverbrennung und die "Entartete Kunst"-Schau in der NS-Zeit oder das "ästhetische Exil", in das sich Künstler wie Stefan Zweig flüchteten. Kunsthistorisch spanne die Schau einen Bogen von der Wassermann-Gruppe und der Zinkenbacher Malerkolonie bis zu den Arbeiten Oliver Resslers, der 2001 die Demos der österreichischen Antiglobalisierungsbewegung dokumentierte, "die sich in Salzburg bei den Protesten gegen das World Economic Forum formierte". Zu Ende führen lässt sich die Debatte über die Moderne kaum. "Für jede Ära stellt sich die Frage aufs Neue." Ein Kapitel befasse sich daher (als Vorschau auf ein Projekt, das das Museum 2017 plant) mit Bauvisionen für Salzburg. Wie Breitwieser die Moderne-Debatte sieht? "Bei der Recherche habe
ich selbst viel gelernt über Salzburg, über Aufbrüche und ihre Gegenbewegungen. Manchmal entsteht aber der Eindruck, die Stadt könnte sich mehr trauen. Innovation und Bewahrung sind kein Widerspruch."

Ausstellung: "Anti:modern. Salzburg inmitten von Europa zwischen Tradition und Erneuerung", Museum der Moderne Salzburg am Mönchsberg, 23. Juli bis 6. November.

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