Kunst

"Amour fou": Der Liebe nachspüren

Wann wird die Liebe verrückt? Regisseurin Jessica Hausner stellt diese Frage mit Humor.

"Amour fou": Der Liebe nachspüren SN/APA/EPA/IAN LANGSDON
Von Regisseurin Jessica Hausner kommt der Eröffnungsfilm der Viennale: „Amour fou“.

Ist es Wahnsinn oder absolute Liebe, wenn Mann und Frau miteinander in den Tod gehen? So einen Doppelselbstmord hat der Dichter Heinrich von Kleist mit Henriette Vogel in die Tat umgesetzt.

Filmregisseurin Jessica Hausner hat diesem Stoff Ironie und absurden Humor injiziert und daraus eine Tragikomödie inszeniert, mit der heute, Donnerstag, das Wiener Filmfestival Viennale eröffnet wird. Am 7. November kommt "Amour Fou" (verrückte Liebe) in die Kinos.

SN: Was hat Sie an der Konstellation eines Doppelselbstmords interessiert?

Hausner: Dass ein Doppelselbstmord aus Liebe ja nur schiefgehen kann: Jeder stirbt ja für sich allein, wie auch jeder nur für sich allein leben kann.

"Amour Fou" handelt unter anderem davon, dass wir Menschen grundsätzlich voneinander getrennt sind: Jeder hat seine eigene Wahrheit und seine eigene Wirklichkeit. Das romantische Bild von Liebe ist nicht real, der andere wird immer ein Geheimnis bleiben.

SN: Ist es für den Film wichtig, dass Heinrich und Henriette tatsächlich existiert haben?

Nicht sehr. Klar hat mich inspiriert, was ich über Heinrich von Kleist gelesen habe, und ich habe historisch recherchiert.

Aber ich wollte nie einen biografischen Film über Kleist machen, sondern eine künstliche Welt erschaffen, um eine allgemeingültige Geschichte erzählen.

SN: Läse man nur die Inhaltsangabe, wäre dieser Film eine Tragödie: Zwei töten einander, weil sie am Leben leiden. Woraus entstand Ihr Wunsch, das als Komödie zu erzählen?

Ich glaube, aus der Absurdität, dass Kleist verschiedene Menschen gefragt hat, ob sie mit ihm sterben wollen: zuerst seinen besten Freund, der wollte nicht. Dann hat er seine Cousine Marie gefragt, die wollte auch nicht.

Und dann hat er diese Henriette gefunden, die glaubte, dass sie sterbenskrank ist, und deswegen eingewilligt hat. Die Idee, dass jemand, mit dem man aus Liebe sterben will, austauschbar sein kann, das fand ich witzig. Der Humor entsteht daraus, dass die allgemeingültig verstandene Wahrheit absoluter Liebe dadurch auf den Kopf gestellt wird. Damit spielt der Film und darüber muss man auch lachen, weil das die Halbherzigkeit und Lächerlichkeit der menschlichen Existenz demonstriert. Es gibt auf der einen Seite die große Sehnsucht nach absoluter Liebe, aber in der Wirklichkeit stolpert man darüber. In der Umsetzung wird noch die tollste Idee lächerlich und banal.

SN: Dabei ist es ein beruhigender Gedanke, dass man nicht die wahre, einzige Liebe finden muss, weil es viele Varianten gibt, glücklich zu werden.

So sehe ich das auch. Die Gefühle, die man hat, sind veränderbar und beeinflussbar, viel mehr, als wir das wahrhaben wollen.

SN: "Amour Fou" scheint einer genauen Choreografie zu folgen, selbst der Hund von Henriette Vogel hält sich daran.

Ja. Ich habe versucht, durch die Inszenierung das Gefühl eines Marionettentheaters zu wecken. Die Erzählung baut darauf auf, dass individuelle Freiheit stark infrage gestellt wird, dass jeder in seinen Handlungen und Entscheidungen durch die Umstände bestimmt ist, auch in der Liebe. Die individuelle Äußerung wird da infrage gestellt. Jeder Mensch spielt eine Rolle, und ist dabei fremdbestimmt.

SN: Zur Weltpremiere in Cannes ist im Mai Kulturminister Josef Ostermayer angereist - ein Symbolakt, der bis vor ein paar Jahren noch undenkbar war. Ist da die Akzeptanz gewachsen?

Ich denke ja, ich finde es schön wenn Film als Kunstform endlich mit Aufmerksamkeit bedacht wird. Die Österreicher machen generell großartige Filme, ich werde international immer wieder darauf angesprochen, was wir für ein originelles und interessantes Filmland sind.

Mich hat dieses Zeichen vonseiten der Politik gefreut - vielleicht auch, weil das Theater nicht so schöne Schlagzeilen gemacht hat in den letzten Monaten. Ich finde, wir übernehmen einfach jetzt: Film wird zur Staatskunst.

Kino: Amour fou, Drama, Österreich 2014. Regie: Jessica Hausner. Mit Christian Friedel, Birte Schnöink. Start am 7. November

Festival: Viennale, 23. Oktober und 6. November.



Quelle: SN

Aufgerufen am 21.11.2018 um 01:27 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/amour-fou-der-liebe-nachspueren-3074227

Schlagzeilen