Kunst

Anna Prohaska im Interview: Aufpassen, dass nichts zur Routine wird

"Lassen Sie sich nicht hineintheatern!" Dem Rat des Hausarztes der Wiener Staatsoper kann Anna Prohaska viel abgewinnen.

Anna Prohaska im Interview: Aufpassen, dass nichts zur Routine wird SN/sf/ruth walz
„Susanna ist der Hans Sachs für Soprane“: Anna Prohaska in Mozarts „Nozze di Figaro“ in Salzburg. SF/Ruth WALZ

Anna Prohaska braucht die künstlerische Familie (die sie weiterhin im Ensemble der Staatsoper Unter den Linden in Berlin findet) und zugleich künstlerische Freiheit. Wie sich das in ihren Rollen (in Salzburg als Susanna in Mozarts "Nozze di Figaro"), Wünschen, Konzerten und immer eigensinnigen Projekten manifestiert, umreißt sie im Gespräch.

SN: Sie haben es vom Bauernmädchen zur Kammerzofe geschafft: Zerlina, Despina und nun Susanna im "Figaro" Welche ist Ihnen die liebste?
Anna Prohaska: Alle drei sind fantastische Figuren. Aber die Rolle der Susanna - das ist der Hans Sachs für Soprane, eine Riesenpartie. Susanna muss eine Getriebene sein innerhalb der Verwirrungen und Verstrickungen des Abends, sie muss aber auch ihren eigenen Weg gehen, die Fäden in der Hand haben.

SN: Wie legen Sie es an?
In Salzburg hoffentlich so, wie es Sven-Eric Bechtolf als Regisseur gemeint hat. Man soll den sozialen Unterschied zwischen Graf und Gräfin und Susanna merken, das ist auch in der Körpersprache angelegt, diese Knickse und Reverenzgesten. Die Freundschaft zwischen Susanna und der Gräfin rückt da etwas in den Hintergrund, dafür werden die sozialen Unterschiede herausgearbeitet. Das wird dann durch die Erotik, die Liebe anarchistisch aufgebrochen. Es gefällt ja der Gräfin gar nicht, dass der Graf dem Dienstmädchen nachsteigt.

Dennoch versuche ich auch eine eigenständige Emotionalität in die Rolle einzubauen, indem ich meine Liebe zu Figaro zeige und doch auch die Versuchung glaubhaft machen will, die die neue, dandyhafte Welt des Grafen einem eröffnen kann.

SN: Sie haben Susanna relativ lang schon im Repertoire, haben in Berlin in Inszenierungen von Thomas Langhoff und Jürgen Flimm gespielt. Wie gelingen da die Umstiege?
Von Konzept zu Konzept umzulernen ist nicht ganz einfach. Flimm zum Beispiel hat mit uns sehr frei gearbeitet, viele Ideen kamen von den Sängern. Es ist eine sehr körperhafte Inszenierung, mehr slapstickartig und komödiantisch. Jetzt ist es interessant, eher das Gegenteil zu machen: diese stark ziselierten und vorgegebenen Bewegungsabläufe, das exakte Timing, die Präzision im Bühnen- und Bewegungsablauf genau zu beachten. Das innerhalb einer Woche zu lernen - so lang hatten wir Zeit, das anzulegen - war nicht ganz ohne.

Trotzdem ist es für mich wichtig, dass man sich eigene Gedanken macht innerhalb der Struktur des vorgegebenen Konzepts, dass man sich nicht in eine Schablone zwängen lässt. Ich fand es nicht so schwer, da auch mal Ideen einfließen zu lassen. Manche wurden aufgenommen, manche nicht.

SN: Was macht eine Rolle mit der Stimme, was eine Stimme mit der oder durch die Rolle?
Im Idealfall wächst die Stimme in die Rolle hinein oder auch umgekehrt. Das ist ein Prozess, den man fast wie von außen beobachten kann. Man hört plötzlich gewisse Töne, die man so noch nicht wahrgenommen hat, manches fließt einfacher, strömt lockerer, wird reifer. Die Rolle geht mehr in den Körper, es wird alles natürlicher. Man muss nur aufpassen - und da bin ich sehr streng mit mir -, dass es nicht zu routiniert wird. Da hilft dann auch, wenn man sich auf neue, andere Produktionen einlassen kann.

SN: Worauf achten Sie denn im Bauplan Ihres Repertoires?
Ich darf den Kopf nicht langweilen. Ich bin nicht dafür geboren, drei, vier Lebensrollen zu singen und Recitals zu machen, stattdessen will ich bei Liederabenden eigene Projekte verwirklichen. Da muss ich dann nur aufpassen, dass nicht etwas zu sehr aufeinanderprallt, also eine krasse Uraufführung und dann gleich eine filigrane Barockpartie. Die Stimme soll sich zwischendurch auch erholen können, braucht nach Anstrengungen auch Ruhephasen. Auch stilistisch muss die Abfolge passen.

SN: Apropos: Was kommt auf Sie zu, wovon träumen Sie?
Ich bin sehr glücklich über meinen Kalender des nächsten Jahres, Susanna bleibt meine absolute Traumrolle, die ich auch wieder in Berlin singen kann, es kommt Iphis in Händels "Jephtha" mit Claus Guth und Ivor Bolton in Amsterdam, dann "Fairy Queen" in Wien. Und ich würde jetzt schon ganz gern die Konstanze in der "Entführung" ins Auge fassen, eine Partie, die mir sehr am Herzen liegt - aber ich habe keine Eile. Was ich gerne einmal machen würde: eine so richtig schöne, große Händel-Partie, Cleopatra, Ariodante, Orlando. Und Lulu: Die kommt jetzt sicher einmal. Ich hatte sie schon lang angeboten bekommen, aber das darf man wirklich nicht zu früh angehen. Der Hausarzt der Wiener Staatsoper hat da den schönen Satz parat: Lassen Sie sich nicht hineintheatern!

SN: Zurück zu den Frauen: Auf Ihrer neuen CD stellen Sie zwei Queens of Africa vor, Kleopatra und Dido: eine interessante Konstellation.
Ja, zwei mythische Königinnen. Beide hatten einflussreiche Männer, die Geschichte gemacht, der Weltpolitik schicksalhafte Impulse gegeben haben, Aeneas als Gründer Roms, und über Caesar und Antonius wissen wir ja Bescheid. Und dann gibt es noch die Parallele des Endes: Beide Frauen begehen Selbstmord, darauf spielt auch der Titel an: Serpent & Fire, Kleopatra und die Schlange, Dido und ihr Feuertod.

SN: Die Bandbreite der Nummern ist außergewöhnlich, schließt viel Unbekanntes ein, Komponisten, von denen man sofort gern mehr hören möchte, Christoph Graupner, Antonio Sartorio . . .
Ich versuche immer, meine eigenen Programme so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten und Neuland zu entdecken. Man kann ja nicht zwölf Liebesschnulzen hintereinander singen. Man muss schauen, dass sich Leidenschaft, Feuer, Tänzerisches und Klagen abwechseln und doch zum Thema passen. Sartorio und Graupner: Damit kann man Leichtes und Kokettes zeigen als Kontrast, aber die Lamenti, die liebe ich am meisten, Didos Klage am Schluss von Purcells Oper: Da geht mir das Herz auf.

In den Konzerten machen mir aber auch die Koloraturnummern Spaß, Hasse zum Beispiel. Das ist so gut für die Stimme geschrieben. Und dann kann ja noch der wunderbare Giardino Armonico mit Giovanni Antonini in den eingeschobenen Instrumentalstücken glänzen, während ich mich von einem Affekt zum anderen etwas ausruhe.

SN: Und das Programm, das Sie für Salzburg noch im Gepäck haben, am 26. August?
Da geht es um das Motto "Salve Regina". Das haben wir gemeinsam als große Kammermusik entwickelt: die Bratschistin Veronika Eberle, der Fagottist Marco Postinghel und ich - hauptsächlich über E-Mails. Zentrales Stück ist Pergolesis "Stabat mater". Es gibt Schuberts "Salve Regina" und eine Überraschung, und eine Minute Webern (für Sopran und Streichquartett), die direkt in Pergolesi übergeht. Eigenartig: Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, Pergolesi ohne Webern davor zu singen!

Konzert: "Salve Regina", Anna Prohaska, Veronika Eberle & Friends.
26. August, 19.30 Uhr, Großer Saal des Mozarteums.
CD: "Serpent & Fire", Arias for Dido & Cleopatra. Anna Prohaska, Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini. Alpha.


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