Kunst

ARGEkultur: Das Lachen reißt die Leere auf

Mit Martin Grubers Stück "Immersion. Wir verschwinden." wurde das diesjährige Open Mind Festival in der ARGEkultur eröffnet.

Das Lachen, das dieser Theaterbesuch erzeugt, ist nicht nur lösend wie jedes Lachen. Wenn sich bei diesem Lachen eine wohlige innere Weite auftut, zeigt sich ab und zu ein schauderlicher Hintergrund. Da erschreckt die Frage: Worüber lach' ich? Vielleicht hilft da ein Zitat von Roland Barthes, das ein Schauspieler sagt: "Sobald die Komödie lustig wird, löst es sich ins Nichts auf."?

Dass das Lachen in der eineinviertelstündigen Uraufführung von "Immersion. Wir verschwinden" des Aktionstheater Ensembles so oft gelingt, liegt an der Präzision der textlichen und szenischen Form, zu der die Truppe um den Vorarlberger Martin Gruber findet. Köder für viele Lacher sind Alltagsepisoden. So macht, gleich zu Beginn, Michaela Bilgeri aus dem über soziale Medien verbreiteten skandalöse Spot der Gemeinde Feldbach ein schauspielerisches Gustostück, das zwischen Erzählung und Epos changiert. In dem inkriminierten, derweil zurückgezogenen Spot preist eine aufreizende Frau sich und den oststeirischen Ort als "scharf" an. Michaela Bilgeris wiederholten Anläufe, zu der sie ihre exzellenten Mitspielern Martin Hemmer und Andreas Jähnert hinschubsen, den Ortsnamen ordentlich steirisch auszusprechen, werden zum witzigen Refrain.

Wenn Michaela Bilgeri sich später über das Eis aufpudelt, das sie an der Tankstellen hat kaufen wollen, das aber aufgetaut und wieder eingefroren war, verhaspelt sie sich - wieder angefacht von ihren Co-Schauspielern - in eine Wortverirrung zwischen falschem "Eisbrand" und korrektem "Gefrierbrand". Wenn sie ihre Aufregung mit "Ich mein', hallo, 'tschuldigung!" oder "Mir geht's ums Prinzip!" spickt, schimmert eine erschreckende Leere ihres, ja, unseres oft Phrasen dreschende Redens hervor.

Ähnliches passiert, wenn Martin Hemmer von seiner euphorisch erwarteten Teilnahme an einem Filmdreh im Himalaja und Andreas Jähnert von seiner Reise zum ältesten Grab Sardiniens oder seiner Einladung zur High-Society-Party in einer künstlichen Almhütte erzählen - beides witzig vorgetragene Extremepisoden. Aber welch Hohlheit lässt sich hinter dem erahnen, was da mit subtiler Angeberei über die eigene Wichtigkeit geschildert wird. Ach ja, Roland Barthes!

Dieses Theater der Einsamkeit ist so nahe am Realen, dass sein Stoff aus heutigem Alltag, sogar aus dem Leben der Schauspieler gegriffen ist. Weil in Form gebracht, weil auf der Bühne gekonnt dargestellt, weil mit Rhythmen und Gesang durchwoben, weil immer wieder ins Absurde gekippt, mag man gut verstehen, dass Martin Gruber und sein Off-Theater-Ensemble Anfang neuerlich mit einem "Nestroy" ausgezeichnet worden sind.

Theater: "Immersion. Wir verschwinden.", Aktionstheater Ensemble, ARGEkultur, 12. und 13. November, danach Werk X-Eldorado/Wien und Spielboden/Dornbirn.

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