Kunst

Aufruf zur Anteilnahme: "Hermann und Dorothea" an der Burg

In einer szenischen Lesung präsentiert das Burgtheater ab dem 1. Oktober Goethes 1796/97 entstandenes Epos "Hermann und Dorothea". Für Regisseur Alfred Kirchner, der den Abend mit Maria Happel und Martin Schwab eingerichtet hat, ist es ein ganz besonderer Beitrag in Zeiten der Flüchtlingsbewegung, wie er im Gespräch mit der APA erläuterte.

"Als ich das Epos wieder gelesen habe, war es wie eine Neuentdeckung, mit welcher heutigen Aktualität Goethe vor 200 Jahren einen Flüchtlingstreck auf eine deutsche Idylle hat stoßen lassen", so Kirchner, der in dem Werk "große historische Momente, fast eine Prophetie" ortet, in denen unterschiedliche Lebensformen nicht nur aufeinanderprallen, sondern sich die Menschen auf eine Begegnung und einen Austausch einlassen. In "Hermann und Dorothea" verband Goethe die Geschichte der Vertreibung der Protestanten im Jahre 1731 mit dem Elend der Flüchtlingszüge aus Frankreich im Gefolge der Revolutionswirren.

"Hinter der Liebesgeschichte um Hermann und Dorothea verbergen sich Bilder, die uns heutzutage wieder bestürzend vertraut geworden sind", heißt es seitens des Burgtheaters. Goethe habe schon damals mit einem Lösungsvorschlag aufgewartet, "der auch und gerade heute beherzigt werden sollte: statt sich hinter Furcht und Sorge zu verschanzen kann man in Problemen die Herausforderung sehen, in der Herausforderung die Chance".

Ein Detail gefällt Kirchner besonders. Dorothea heißt aus dem Griechischen übersetzt "Gottesgeschenk". "Es freut mich zutiefst, dass jemand darauf kommt, diese fremde Frau Gottesgeschenk zu nennen", sagt er im APA-Gespräch über Dorothea, durch die "die Gesellschaft verwandelt wird". Er sei überzeugt, "dass es kein Getue ist, sich an das Flüchtlingsthema zu hängen". Goethe habe hier einen Aufruf an die Menschheit zur Anteilnahme gerichtet.

Seit Mai arbeitet er mit Happel und Schwab "in einem epischen Raum". Gemeinsam habe man versucht, "sämtliche menschliche und politische Schattierungen herauszuarbeiten, um dem Text gerecht zu werden. In jedem Moment herrschen menschliche Begebenheiten, wir wollen aber auch die komische Dialektik herausarbeiten", so Kirchner, für den Happel und Schwab dafür die Idealbesetzung sind.

Der 79-Jährige hat den Glauben an die Menschen nicht verloren: Die Jugend von heute sei "beseelt vom europäischen Gedanken". Er danke auch allen Menschen, die in den vergangenen Monaten Flüchtlinge bei sich aufgenommen oder ihnen geholfen haben. "Alles, was man über die AfD oder die FPÖ sagt, wird gekontert von der Initiative dieser sehr guten Leute." Mit seinem Stück wolle er sich nicht nur an sie wenden, sondern auch an jene, die unentschlossen sind". "'Hermann und Dorothea' bestätigt, dass wir eine Kultur haben und die stellen wir hoffentlich sehr explizit vor. Aber sie ist nicht exklusiv, sie ist nicht nur für uns."

Quelle: APA

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