Kunst

Aus Festspielen werden Sommernächte

Seit 15 Jahren werden auf den Kapitelplatz Opern übertragen. Warum zahlt Siemens dafür?

Wie viel Sponsoren der Salzburger Festspiele zahlen, bleibt geheim. Doch was sie tun, schildern Präsidentin Helga Rabl-Stadler und Generaldirektor Wolfgang Hesoun am Beispiel von Siemens-Österreich.
SN: Sie haben ein Interview vorgeschlagen. Was gibt es zu berichten, zu erzählen?

Helga Rabl-Stadler: Eine Erfolgsgeschichte! Begonnen hat die dank Fritz Urban, damals ORF-Intendant in Salzburg. Der sagte: "Helga, auf dem Wiener Rathausplatz gibt es Filme. Könnten wir nicht in Salzburg etwas live machen?" Siemens, damals schon Hauptsponsor, mit dem einstigen Generaldirektor Albert Hochleitner hat das sofort toll gefunden. Viele bei uns im Haus haben das nicht so toll gefunden. Die einen haben gefürchtet, die Karteneinnahmen brächen zusammen. Die anderen haben das als Einbruch in die Exklusivität erachtet. Auch meine immer für Öffnung plädierenden Direktoriumskollegen Gerard Mortier und Hans Landesmann waren skeptisch. Trotzdem haben wir gesagt: Probieren wir's! Vom ersten Tag an (2002, Anm.) waren die Leute begeistert. Und so haben wir das entwickelt - mit jedem Siemens-Generaldirektor weiter. Erst wurden es ein paar Aufführungen mehr, dann eine Woche dazu. Dann wurde unter Brigitte Ederer ein tageslichttauglicher Bildschirm angeschafft. Bald war die Stimmung bei Siemens so euphorisch, dass sie fragten, ob wir nicht etwas für Kinder machen könnten. So begann 2008 das "Kinder-Festival". Mittlerweile könnte ich dafür an jedem Finger einen Sponsor haben, weil das so eine sympathische Aktion ist.
SN: Wie lautet die Geschichte von der anderen Seite aus?

Wolfgang Hesoun: Damals war das auch bei Siemens nicht klar, zu welch tollem Erfolg sich unsere Kooperation entwickeln würde. Seit 1996, beginnend mit dem "Rosenkavalier", ist Siemens Projektsponsor. 1999 wurden wir zum Hauptsponsor der Salzburger Festspiele.

Unser Produktportfolio hat sich in den letzten Jahren verändert. Heute haben wir kein Konsumgütergeschäft und keine privaten Endkunden mehr, sondern nur Geschäftskunden. (So hat Siemens 2014 den 50-Prozent-Anteil an der gemeinsamen Hausgerätetochter BSH samt Nutzung der Marke an Bosch abgetreten; 2010 ist es aus der Telefonsparte ausgestiegen, Anm.). Daher haben wir die Öffentlichkeitsarbeit umgestellt und rücken die Verbindung von Kultur und Technik in den Vordergrund.

SN: Was hilft Ihnen Kultursponsoring für Kraftwerks- oder Antriebstechnik?
Wolfgang Hesoun: Wegen der Festspielnächte werden wir keine zusätzliche Zuggarnitur verkaufen. Aber wenn wir Hochkultur einem breiten Publikum kostenlos bieten, fördert das sehr wohl unser Image. Zudem stärken wir mit Einladungen nach Salzburg unsere Verbindungen zu Geschäftspartnern.

SN: Was brauchen Sie als Sponsor von den Salzburger Festspielen?

Wolfgang Hesoun: Tolle Veranstaltungen, um unseren Businesskunden Kultur-Highlights zu bieten und um in den Festspielnächten Kulturinteressierten gratis die Höhepunkte der Salzburger Festspiele zu zeigen. Als großes Unternehmen mit vielen Mitarbeitern sehen wir dies als Teil unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung.

SN: Frau Präsidentin, was brauchen Sie von einem Sponsor? Erstens Geld und zweitens?

Helga Rabl-Stadler: Erstens Engagement! Und dieses in zwei Bereichen - in Unterstützung der Festspielziele mittels Geld und im Dasein. Unsere Sponsoren laden ja auch Menschen ein. Wir sind in Österreich noch ziemlich verwöhnt, weil Vorstandsvorsitzende großer Firmen Beziehung zu Oper, Theater und Museum haben.

Allerdings habe ich Sorge, dass es in einer Gesellschaft, der - wie Konrad Paul Liessmann sagt - die Muße und die Musen abhandenkommen, bald nicht mehr genug Verständnis für das geben könnte, was nicht unmittelbares Kompetenztraining ist.

SN: In den Vorjahren ist Korruptionsvermeidung in den Vordergrund gerückt. Was bedeutet das für Sponsoren?

Wolfgang Hesoun: Siemens war 2007 Vorreiter bei Compliance. Unter anderem auf die Forderung der US-Börsenaufsicht hin haben wir Systeme entwickelt, um alle Ausgaben für staatliche Kunden transparent zu gestalten. Jede Einladung - schon gar zu den Salzburger Festspielen - wird transparent dokumentiert. Die Einhaltung der Gesetze ist für uns oberstes Gebot. Jede Einladung wird von Juristen überprüft. Wir differenzieren zwischen privaten und öffentlichen Kunden.

SN: Was wird streng formuliert?

Wolfgang Hesoun: Vor allem in Einladungen an öffentliche Kunden wird auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Kosten der Veranstaltung hingewiesen. Man darf sich erst als eingeladen betrachten, wenn man uns signalisiert hat, dass die Einladung nicht gegen Compliance-Regeln verstößt. Ähnliches gilt bei privaten Partnern, nur da sind die Bedingungen anders. SN: Bekommen Sie da Absagen?
Wolfgang Hesoun: Üblicherweise nur aus terminlichen Gründen. Denn wer aus dem öffentlichen Umfeld unserer Einladung folgt, kann selbst die Kosten übernehmen und dann gern dabei sein.

SN: Tut das jemand?

Ja, im öffentlichen Bereich ist das der Normalfall.

SN: Wie viele Gäste laden Sie nach Salzburg ein?
Siemens-Österreich hat heuer etwa 180 Gäste. Dann gibt es noch kleinere Runden oder einzelne Kunden - aus anderen Ländern und anderen Geschäftsbereichen. SN: Wie viele Selbstzahler sind dabei? Wir geben Daten unserer Kunden nicht bekannt. Daher bleiben wir in diesen Angaben allgemein.
SN: Wie verläuft eine Einladung Nach einem Empfang in der Salzburg-Kulisse gehen wir in eine Oper, danach gibt es ein Dinner.

SN: Was hat sich ab 2008 mit dem Anfütterungsverbot im öffentlichen Dienst geändert Wolfgang Hesoun: Zunächst hat das unsere Kunden verunsichert, weil viele nicht wussten, was sie annehmen dürfen. Mühsam, aber doch hat sich das eingespielt.

SN: Kommen wegen Anfütterungsverbots weniger Gäste?

Wolfgang Hesoun: Bei uns hat sich das nach einem Jahr unter den neuen Bedingungen stabilisiert.
Helga Rabl-Stadler: Insgesamt sind es weniger (von Sponsoren Eingeladene, Anm.) geworden. Zwar hat sich die anfängliche Verunsicherung gelöst, doch ich halte es nach wie vor für falsch, jede Einladung unter den Generalverdacht des Anfütterns zu stellen. Die Salzburger Festspiele sind eine so öffentliche Plattform, da kann man schwer jemanden heimlich anfüttern. Ich gebe zu: Es hat früher leider woanders Exzesse gegeben, ich denke da an teure Jagdeinladungen. Doch nun sind wir in Kunst und Sport die Leidtragenden.

SN: Immer wieder sagt die Präsidentin, wie schwierig es sei, Sponsoren zu halten. Gilt das auch für Siemens?

Wolfgang Hesoun: Wird die wirtschaftliche Lage schlechter, steht üblicherweise das Sponsoring als Erstes auf der Liste der Einsparungen. Bei uns nicht. Erstens haben wir Verträge. Zweitens wird unser Paket mit den Salzburger Festspielen auch in München positiv wahrgenommen. Es ist gute Tradition geworden, dass Siemens seine Partner nach Salzburg einlädt und dass es die Festspielnächte gibt. Wir wären nicht schlau, das aufzugeben.

SN: Heuer feiern Sie mit 15 Jahren Festspielnächten ein kleines Jubiläum. Peilen Sie auch 25 Jahre an?

Wolfgang Hesoun: Es spricht nichts dagegen, jede Art von Größe gemeinsam zu feiern. Bei so einem Erfolg sehe ich kein Veränderungserfordernis. Die 25 kann kommen.

Helga Rabl-Stadler: Ich habe schöne Signale von Siemens, auch von der Münchner Spitze.

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