Kunst

Autor Neil Gaiman präsentiert neues Buch in Wien

Das neue Buch von Bestseller-Autor Neil Gaiman, "Der Ozean am Ende der Stadt", ist vordergründig Fantasy, die aus der Sicht eines Siebenjährigen geschriebene Story funktioniert aber auf mehreren Ebenen. "Geschichten sind wie Perlen", erzählte Gaiman am Mittwochnachmittag in einem Interview mit der APA - Austria Presse Agentur, angesprochen auf die Idee zu dem Roman, der als Kurzgeschichte begann.

Autor Neil Gaiman präsentiert neues Buch in Wien SN/APA (Hochmuth)/GEORG HOCHMUTH
Gaiman will, dass Eltern ihren Kindern vorlesen.

"Perlen beginnen mit einer Auster, die sich mit einem Sandkorn beschäftigt", sagte der 53-Jährige gebürtige Brite. "Meine Geschichte begann mit dem Kauf eines Mini Coopers. Ich zeigte meinem Vater das Auto, das ich mir auch deshalb zugelegt habe, weil wir in meiner Kindheit einen Mini hatten. Aber eines Tages war er weg, mein Dad hatte ihn verkauft. Ich wusste nie warum. Dann erzählte er mir von unserem südafrikanischen Untermieter, der sein Geld und das seiner Freunde verspielte und sich deswegen in unserem Mini umbrachte. Ich begann mir Gedanken zu machen, was passiert wäre, wenn ich von diesem Ereignis gewusst hätte."

Der Selbstmord löst in "Der Ozean am Ende der Stadt" eine Kette an bedrohlichen, unheimlichen Ereignissen aus, Dinge aus der Welt der Erwachsenen entwickeln sich für einen Buben zu einem Albtraum, Realität und Fantasie verschwimmen. Am Ende erzählt Gaiman von einem großen Opfer und stellt die Frage, ob sich dieses gelohnt hat. "'Ozean' habe ich im Gegensatz etwa zu meinem Buch 'Coraline' für Erwachsene geschrieben, aber es geht um die Kindheit - und das Thema sollte auch für Erwachsene nie vom Tisch sein", betonte der Autor.

"Ich habe jedes Recht, aus der Sicht eines Siebenjährigen zu schreiben, auch wenn es kein Kinderbuch ist", sagte Gaiman. "Ja, die Hauptfigur ist ein Kind, seltsame und magische Dinge passieren - und trotzdem ist es ein Buch für Erwachsene. Ich habe den Anfang ein wenig langweiliger gestaltet als bei meinen Kinderbüchern. Wenn ein Kind 'Ozean' in die Hände bekommt und über den Prolog und die ersten Kapitel kommt, dann ist es schlau genug, um das Buch lesen zu können."

Für "Ozean" hat Gaiman in seiner eigenen Kindheit recherchiert: "Alle Orte im Buch sind real. Der Bub bin definitiv ich. Ich habe das Buch als Geschenk für meine Frau (die Musikerin Amanda Palmer, Anm.) geschrieben. Meine Frau hat mich nach Lexington, Massachusetts, genommen und mir das Haus gezeigt, in dem sie aufgewachsen ist, ihre Schule und den Friedhof, auf dem sie mit ihrem ersten Freund Schluss gemacht habe. Ich konnte ihr den Ort meiner Kindheit nicht zeigen. Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, hat sich extrem verändert, sie schaut heute ganz anders aus. Ich kann ihr also nur alte Fotos zeigen. Und dieses Buch schreiben."

"Ozean" ist beim ersten Lesen spannend und schnell gelesen, beim zweiten Mal entdeckt man die Bedeutung von beiläufig wirkenden Zeilen. "Ich bin davon überzeugt, dass ein Autor den Lesern etwas geben sollte, das es wert macht, ein Buch mehr als einmal zu lesen", so Gaiman. "Ich wollte bei 'Ozean', dass die Geschichte beim zweiten Lesen nicht mehr dieselbe ist. Man wird auf kleine Dinge aufmerksam, auf Dinge, die im Hintergrund passieren."

Das Buch ist Gaiman, Autor der erfolgreichen Comic-Serie "Sandman", passiert, wie er sagte. "Ich denke nie kommerziell. Plötzlich hat 'Ozean' Dan Brown von der Spitze der New York Times Buchliste verdrängt. Es ist schön, gar nicht zu wissen, warum. Schon deshalb wird mein nächstes Buch wieder ganz anders." Derzeit wird Gaimans Roman "American Gods" als TV-Serie aufbereitet. "Da ist ein tolles Team dahinter. Diese Leute verstehen ihre Sachen. Ich kreuze die Finger, dass die Geschichte auch visuell, also in einem anderen Medium, funktioniert."

"Der Ozean am Ende der Straße" steht in der Tradition von Ray Bradburys "Das Böse kommt auf leisen Sohlen". Darauf angesprochen, begannen Gaimans Augen zu leuchten. "Meine Welt war viel einsamer, als Ray Bradbury starb. Ich wollte als junger Autor so sein wie er. Er konnte jede Art von Buch schreiben - und alle haben das akzeptiert, egal ob es nun Science Fiction, Fantasy, Mainstream, ein Krimi, Horror, Gedichte, Drehbücher oder ernste Literatur war. Und er hat Leute dazu gebracht, über manche Dinge anders zu denken. Dank ihm war ich weniger einsam und habe mich weniger verrückt gefühlt."

Schon früh begann sich Gaiman intensiv mit Literatur zu beschäftigen. "Autoren waren für mich als Kind etwas Mystisches, wie Einhörner", lächelte er. "In meiner Schule gab es die ersten beiden Bände von 'Herr der Ringe'. Ich habe sie gelesen, dann noch einmal und noch einmal. Am Ende habe ich sie einmal monatlich gelesen. Eines Tage gewann ich in Englisch einen Preis, ich durfte mir irgendein Buch aussuchen. Ich wollte natürlich den dritten Band von 'Herr der Ringe'."

Zum Abschluss appellierte Gaiman an Mütter und Väter, ihren Kindern vorzulesen. "Eltern haben anderen etwas voraus: Man darf jeden Abend eine halbe Stunde Auszeit nehmen und mit seinem Kind in eine Geschichte eintauchen. In dieser halben Stunde wird das Telefon abgedreht, niemand darf stören. Das Kind bekommt deine ganze Aufmerksamkeit - und eine Geschichte. Einer der traurigsten und zugleich stolzesten Tage meines Lebens war, als ich meiner damals zwölfjährigen Tochter eines Abends wie immer vorgelesen habe und sie in der Mitte des Buches meinte: 'Daddy, ich glaube, ich lese es selbst fertig.'"

Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA

Quelle: APA

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