Kunst

Bechtolf spielt Bernhard: Mit der Spitze aufs Herz zielen

Sven-Eric Bechtolf legt als Doktor in "Der Ignorant und der Wahnsinnige" ein grandioses Solo hin.

Mit dem Hirnmesser sei ein kleiner Einschnitt zu machen, um das Herz zu erreichen, sagt der Doktor. Auf dem Weg dahin finde man trübe Flüssigkeiten, "seröses oder eitriges Exsudat". Wer aber Schnitte und Griffe unbeirrt setzte, den linken Ventrikel öffne und mit drittem und viertem Finger den Zipfel fasse, der "zieht das ganze so fixierte Herz nach abwärts".

Wenn Sven-Eric Bechtolf als dieser Doktor in Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" ein Wort wie "Hirnmesser" sagt, bringt er das R nach dem in die Höhe gejagten I so zum Tirilieren, dass daraus ein "Hirrrrnmesser" wird. Auf die A in "Stammganglien" fläzt er sich - nur kurz, weil er gleich wieder auf "Kleinhirrrnhemisphäre" und "Kleinhirrrrrrrnsubstanz" hinaufturnt. Wörter wie "beängsti-g-e-n-d-st-e" oder "Empfind-u-n-g-s-reich-t-u-m" formt er so artifiziell, als hätte er gegen den Widerstand von mehreren unter seiner Zunge mäandernden Murmeln anzusprechen. Er tanzt mit Konsonanten, schwelgt in Vokalen, setzt Synkopen und weidet sich an den für einen Laien irrwitzig klingenden Formulierungen der Pathologie.

Dass seine Sprache so eindrücklich wird, hängt an seinem Spiel. Sven-Eric Bechtolf zieht alle Register seiner Stimme und macht seinen Körper zu einem in allen Schattierungen von Angst, Zorn, Begehren oder Mitleid schwingenden und bebenden Instrument. Das Irre wie das klug Bedachte, das Beiläufige wie das zutiefst Empfundene vermag er in Myriaden von stimmlichen, mimischen und gestischen Details auszudrücken. So legt er in der letzten Neuinszenierung der heurigen Salzburger Festspiele - zugleich seine letzte als Schauspielchef - ein grandioses Solo hin. Demgemäß galten nach der Premiere am Sonntag alle Bravo-Rufe einzig und allein ihm.

Dieser Doktor ist kein Wahnsinniger. Sven-Eric Bechtolf spielt den Arzt wie einen sich bis an die Grenzen des rational Fasslichen vortastenden Normalen. Er zeigt uns einen brillanten Theoretiker, der allerdings mit seiner Medizin kapital scheitert. Mit all seinem Verstand sucht er das Herz, findet aber nur ein Organ. Bei Kunst, Angst oder seelischem Leid versagt sein Wissen. Er liebt die Musik, er liebt diese Frau, er empfindet Mitleid mit ihrem Lampenfieber und mit den Qualen am Perfektionsanspruch ihrer Kunst, er kann sich in die den Alkoholismus des Vaters verursachende Verzweiflung einfühlen. Doch nähert sich sein Theoretisieren der Schönheit einer Arie, seiner Liebe zu dieser Sängerin oder den Angstzuständen in ihm selbst, versagt ihm die Sprache. Da stockt seine Suada, da entlarvt sein Gesicht etwas inwendig Bodenloses - man nenne es Traurigkeit, Grauen, Einsamkeit, Leere oder Sinnlosigkeit. Es ist, als zöge jemand das sehnsuchtsvolle Herz dieses skalpellscharfen Analytikers in einen Abgrund. Bevor es fällt, flüchtet sich der Doktor in seine Theorie, also ins pathologische Fabulieren.

Sven-Eric Bechtolf spielt den Doktor mit dem, was ihn Thomas Bernhard aufzählen lässt: "die Präzision die Exaktheit die Rücksichtslosigkeit die äußerste Künstlichkeit" - ja, auch mit Rücksichtslosigkeit. Es ist, als hätte da der Schauspielchef der Salzburger Festspiele seinem Lieblingsschauspieler dessen Wunschrolle in den Spielplan geschrieben. Und der Schauspieler kostet das unumschränkt und selbstgefällig aus. Es gibt auch einen Regisseur und vier andere Schauspieler, doch Sven-Eric Bechtolf überstrahlt und übertrumpft und überspielt sie alle.

Martin Zehetgruber hat eine opulente Bühne gebildet: In die Garderobe der Sängerin der Königin der Nacht drängen sich derart viele Blumensträuße mit derart dominierendem Weiß, dass dies an eine Aufbahrung erinnert. In der Mitte stehen Tisch und Sitz der Künstlerin. Die Spiegelwand an der Hinterseite der Garderobe öffnet sich für das zweite Bild zu einem weiten Halbrund, das das Speisezimmer der "Drei Husaren" in ein Spiegelkabinett mit großer Tiefenwirkung verwandelt. So unaufdringlich stimmig wie die Bühne sind Jan Meiers Kostüme: mitternachtsblaue Robe für die Königin der Nacht, weißer Smoking für die Herren nach der Oper, exzellent sitzender, weißer Dreiteiler für Bechtolf in der Garderobe - weiß wie die Blumen, weiß wie die Schminke der Sängerin.

Regisseur Gerd Heinz hat rund um das Bechtolf'sche Solo eine behutsame Inszenierung gebaut, die konsequent erfüllt, was Thomas Bernhard anweist. Annett Renneberg, bekannt als Signorina Elettra in den Verfilmungen von Donna Leons Brunetti-Krimis, ist eine recht harmlose Königin, allerdings mit aparter Singstimme. Sie hat auf Bechtolfs Spiel wenig zu erwidern, sodass in den Dialogen im zweiten Akt, wenn Doktor und Königin der Nacht - vermutlich wieder einmal - ihre Liebe zueinander zerfleischen, der Furor einseitig bleibt.

Christian Grashof erfüllt überzeugend die Rolle des zürnenden, ignoranten Vaters, der über die angebliche Rücksichtslosigkeit seiner Tochter herzieht. Barbara de Koy als Frau Vargo und Michael Rotschopf als aufblondierter Kellner Winter spielen die Nebenrollen tadellos.

Mit dem Notlicht gibt es diesmal kein Problem, denn es bleibt immer an, auch am Ende. Das Salzburger Festspielpublikum muss also - 44 Jahre nach dem Notlicht-Skandal der Uraufführung 1972 - neuerlich ohne zweiminütige Finsternis auskommen. Allerdings: Wenn es in Thomas Bernhards Regieanweisung heißt: "langsam verfinstert sich die Szene", wenn dann der Doktor sagt: "Das Licht ist ein Unglück", wird das Publikum diesem Unglück rücksichtslos ausgeliefert. Die hintere Spiegelwand der Bühne verwandelt sich in ein immer heller werdendes Glühlampenmeer - so blendend, dass von den Schauspielern nur noch gleißende Konturen sichtbar werden. Oder: Man muss vor dieser Helligkeit die Augen schließen und die vom Autor verordnete Finsternis in sich selbst finden.

Theater: "Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard, Salzburger Festspiele, bis 27. August.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 10:10 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/bechtolf-spielt-bernhard-mit-der-spitze-aufs-herz-zielen-1156747

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