Kunst

Bechtolfs grandioses Solo

Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" kam als letzte Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele im Landestheater heraus.

In der letzten Premiere seiner Amtszeit als Schauspielchef der Salzburger Festspiele legte Sven-Eric Bechtolf ein grandioses Solo hin. Er spielte den Doktor in "Der Ignorant und der Wahnsinnige" mit dem, was Thomas Bernhard selbst in diesem Stück den Doktor aufzählen lässt: "die Präzision die Exaktheit die Rücksichtslosigkeit die äußerste Künstlichkeit".

Vom ersten Augenblick bringt Sven-Eric Bechtolf den kunstvoll gebauten Text in höchst präziser, hochartifizieller und offenbar tief empfundener und somit nachempfindbarer Sprechweise zur Geltung - ein Bernhard'sches Sprachfest. Dieser Doktor weidet sich an den immer wieder ins irrwitzig kippenden pathologischen Ausdrücken ebenso wie an den Vokalen und Konsonanten. Er breitet sich lustvoll auf den A in "Stammganglien" aus oder bringt das R in "Kleinhirrrrrnhemisphäre" zum Tirilieren. Er zieht nicht nur alle Register und Klangfarben seiner Stimme, sondern macht seinen Körper zu einem in allen Schattierungen von Angst, Zorn, Begehren oder Mitleid schwingenden und klingenden Instrument. Das Irre wie das klug Bedachte, das Beiläufige wie das zutiefst Empfundene vermag er in Myriaden von stimmlichen, mimischen und gestischen Details auszudrücken.

Bernhard zeigt uns, wie einer scheitert

Dieser Doktor ist kein Wahnsinniger. Sven-Eric Bechtolf spielt diesen Arzt wie einen sich bis an die Grenzen zum Wahnsinn vortastenden Normalen. Und er zeigt uns einen brillanten Analytiker und Theoretiker, der allerdings mit all seinem medizinischen Fachwissen kapital scheitert. Bei Kunst, Angst und seelischem Leid versagt seine Theorie. Und in diese Theorie, also ins pathologische Fabulieren, flüchtet er sich, wenn ihm seine eigene Sprachlosigkeit - etwa für die Schönheit einer Arie oder für den das Grauen seiner einsamen, unerwiderten Liebe - unerträglich wird.

Es war, als hätte der Schauspielchef seinem Lieblingsschauspieler dessen Wunschrolle in den Spielplan geschrieben. Und der Schauspieler kostet das aus - sogar passend zu der von Thomas Bernhard genannten Rücksichtslosigkeit. Es gibt einen Regisseur (Gerd Heinz) und vier andere Schauspieler, doch Sven-Eric Bechtolf überstrahlt und übertrumpft und überspielt sie alle. Annett Renneberg ist eine recht harmlose Königin der Nacht. Christian Grashof erfüllt überzeugend die Rolle des stumpfsinnig zürnenden, ignoranten Vaters. Barbara de Koy als Frau Vargo und Michael Rotschopf als Kellner Winter spielen die Nebenrollen tadellos.

Mit dem Notlicht gibt es diesmal kein Problem, denn es bleibt immer an, auch am Ende. Das Salzburger Festspielpublikum muss also neuerlich ohne Finsternis auskommen. Wenn es bei Thomas Bernhard heißt "langsam verfinstert sich die Szene", verwandelt sich die hintere Spiegelwand (die Bühne gestaltete Martin Zehetgruber) in ein immer heller werdendes Lichtermeer - so blendend, dass von den Schauspielern nur noch gleißende Flecken oder Konturen sichtbar werden oder dass man vor lauter Licht sogar die Augen schließt.

Aufgerufen am 16.11.2018 um 12:42 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/bechtolfs-grandioses-solo-1158073

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