Kunst

Bernhard und Handke: Zwei, die auf Salzburger Todesboden ernten

Thomas Bernhard und Peter Handke in Salzburg: Eine feine Ausstellung beleuchtet ihre Verbindung zu den Festspielen.

Bernhard und Handke: Zwei, die auf Salzburger Todesboden ernten SN/dpa/suhrkamp
Peter Handke (l.) und Thomas Bernhard (r.).

Der Haufen war auf Claus Peymanns Mist gewachsen. Um den Misthaufen werden dann auch 800 Fliegen kreisen, ließ Regisseur Peymann wissen. Auf der Bühne im Landestheater. Bei der Uraufführung von "Der Theatermacher". Da meldeten die "Salzburger Nachrichten", der besorgte Landessanitätsdirektor hätte Bedenken. Schweinemist? Stubenfliegen? Im Juli 1985 geriet für ironiefreie Bedenkenträger die hygienische Sicherheit der Salzburger Festspiele in höchste Gefahr.

Also erweist sich ein Einfall von Gestalter Peter Karlhuber als perfekt. Das Bild eines Misthaufens und zig Fliegenmodelle sind zu sehen in der Ausstellung "Dichter bei den Festspielen".

Hinter einem schmucklosen Titel steckt im Salzburger Literaturarchiv eine feine Schau. Sie beleuchtet das mehrfache und erfolgreiche Auftauchen von Thomas Bernhard und Peter Handke im alljährlich weltweit bemerkten Salzburger Kultursommer. Von Bernhard wurden fünf Stücke uraufgeführt, von Handke drei. Dazu kamen bei beiden einige Neuinszenierungen.

Es sind in Bezug auf Bernhard einige Schmankerl, die rund um die meistbejubelten Aufführungen als Skandal wirkten und deren surrealer Charakter in der Schau nachvollzogen werden kann - wenn zwischen Bernhard und der Festspielleitung aufgeregt hin und her telegrafiert wurde. Oft legte sich der Sturm schnell wieder - schon deshalb, weil beide Seiten Interesse hatten, voneinander zu profitieren.

Gleichsam als Gegenpol zur Erregung um Bernhard wirkt die Poesie Handkes. Auch die gab Anlass zur Polarisierung - nachzulesen etwa, wie die Rezensenten Hans Höller und Klemens Renoldner 1982 ganz unterschiedlich auf die Aufführung von "Über die Dörfer" reagierten.

Thomas Bernhard hatte es schwerer mit Salzburg als Peter Handke. Bernhard wuchs hier auf, arbeitete sich auch an der Stadt ab, an diesem "durch und durch menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden", wie er schrieb. Handkes Beziehung zur Stadt scheint luftiger. Nach einer langen Reise zog er Ende der 1970er-Jahre für knapp zehn Jahre bei seinem Freund Hans Widrich auf dem Mönchsberg ein.

Von Bernhard wird - neben dem auch heuer aufgeführten "Der Ignorant und der Wahnsinnige" - die Uraufführung der Komödie "Der Theatermacher" behandelt, die zu seinem am häufigsten inszenierten Drama wurde. Im Mittelpunkt des Handke-Schwerpunkts steht neben "Über die Dörfer" (1982) sein bislang letztes Festspielstück "Immer noch Sturm", dass 2011 auf der Halleiner Pernerinsel uraufgeführt wurde. Hier legt das Literaturarchiv auch einen seiner wertvollsten Bestände vor, die Dokumentation des Entstehungsprozesses des Stücks. Auch zu "Über die Dörfer" gibt es nie gezeigte Materialien aus dem Nachlass des Gründers der Stiftung Salzburger Literaturarchiv, Adolf Haslinger.

Bei Bernhard schöpften die Ausstellungsmacher Martin Huber und Manfred Mittermayer auch aus dem Archiv der Salzburger Festspiele. So entsteht aus Entwürfen für Bühnenbilder und Kostüme, Videos, wissenschaftlich aufschlussreichen Faksimiles und privaten Fundstücken ein rundes Bild, das sich locker konsumieren lässt, ohne zu anekdotisch zu werden und auf Tiefgang verzichten zu müssen.

Obwohl die Anekdoten gerade bei Bernhard viel über Kunstverständnis und Verständnis für Künstler erzählen. Etwa bei einem Plakat der Festspiele, auf dem 1971 "Der Ignorant und der Wahnsinnige" bloß als "Der Ignorant" auftaucht. Bernhard protestiert gegen die "Verstümmelung". Festspielpräsident Josef Kaut, einst Bernhards Chefredakteur beim "Demokratischen Tagblatt", schrieb zurück, dass "Mozart auch noch nie protestiert" habe, wenn irgendwo die "Entführung" angekündigt werde und nicht "Die Entführung aus den Serail".

Ausgewählt wurden die je zwei Stücke pro Autor auch, "weil für beide Autoren das Ländliche eine Rolle" spiele, sagt Mittermayer. Der eine, Bernhard, saß auf seinem Bauernhof in Ohlsdorf und ließ sich berichten, was sich Salzburg abspielte, um aus sicherer Entfernung Kommentare zu schicken. Beim anderen, Handke, kann man zunächst mit Regisseur Wim Wenders "Über die Dorfer" streifen, ehe es viele Jahre später in "Immer noch Sturm" in eine Art Traumlandschaft geht, in der mehrere Generationen auftauchen und "dahinter oder sonst wo ein Apfelbaum" steht. Ein Baumbild und ein paar Äpfel prägen die Handke-Hälfte der Schau, so wie das Misthaufenbild die von Bernhard.

Und freilich lässt sich der Ausgang der Misthaufendebatte von 1985 in Faksimiles studieren. Theatermacher Peymann ließ über das Pressebüro der Festspiele, geleitet übrigens von Handke-Freund Hans Widrich, mitteilen, dass alle Fliegen geimpft würden, keine Ansteckungsgefahr bestünde und alle so dressiert würden, dass sie auf Kommando zurück in ihre Käfige fliegen würden. Ob Bernhard auf seinem Hof in Ohlsdorf da in einen Lachkrampf verfiel oder nur schelmisch grinste, ist leider nicht überliefert.

Ausstellung: "Dichter bei den Festspielen. Thomas Bernhard und Peter Handke." Max-Gandolf-Bibliothek. Eröffnung heute, Mittwoch (bis zum 31. August). Im Rahmen der Salzburger Festspiele gibt es ein dreitägiges Bernhard-Symposium und dazu zwei Lesungen mit Tobias Moretti und Hermann Beil.

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