Kunst

Bewegender Romanerstling: "Kopfzecke" von Iris Blauensteiner

Debütromanen wird - oft zu Recht - mit gewisser Vorsicht begegnet, zumal wenn die gewählte Thematik auf den ersten Blick schon anderweitig abgehandelt scheint.

Bewegender Romanerstling: "Kopfzecke" von Iris Blauensteiner SN/apa/kremayr & scheriau
"Kopfzecke" bewegt und verblüfft.

Die 29-jährige Autorin und Filmemacherin Iris Blauensteiner legt hingegen mit "Kopfzecke" einen beeindruckenden Erstling vor, dessen Lektüre bewegt und verblüfft - nicht zuletzt durch immense sprachliche Gestaltungskraft.

Der Plot verführt zum voreiligen Aha-Erlebnis: Eine Tochter nimmt Abschied von ihrer demenzkranken Mutter. Aha, denkt man, da lässt Arno Geigers alter König in seinem Exil grüßen. Doch der Vergleich ist völlig entbehrlich: Blauensteiner entwickelt eine ganz eigenständige, auch stilistisch auf eigenständige Weise entwickelte Geschichte, in vielen kurzen prägnanten Episoden, Dialogen, Bildern, Träumen, Momentaufnahmen, Rückblenden, geradezu wie ein atmosphärisch dichtes filmisches Puzzle.

Das Kino war auch der Zufluchtsort der Mutter ("Frau Erika"), mit der die Erzählerin namens Moni - in der Filmbranche tätig, 56 Jahre alt und vor der Pensionierung stehend - offenbar eine ziemlich symbiotische Beziehung führt. Sehr behutsam, sehr einfühlsam geht Moni mit der kranken alten Frau um, deren triste Vergangenheit nach und nach zutage tritt. "Sie sitzt vor mir hinter einer Wand, ungreifbar" - doch die Wand wird bisweilen transparent, gibt Blicke frei. Auf Monis bereits verstorbenen Vater Hans, der mit seiner Tochter nichts zu tun haben wollte, auf den russischen Geliebten Jegor, mit dem Erika vielleicht glücklich geworden wäre, auf die Geschwister Kurt und Ilse. Wie ein Phantom taucht manchmal der "Nebelmann" auf, Sinnbild für alles im Ungefähren, Ungewissen Gebliebene.

In ihrer Fürsorge gelangt Moni an die eigenen Grenzen. "Ich grabe mich rückwärts in den Kopf. Was hier noch alles liegt, ist erleichternd und erschreckend zugleich." Diese Kopfzecke ist aber auch ein "Blutsauger, der sich vom Schweigen ernähren kann." Die bei einem Unfall erlittene Kopfwunde erscheint wie eine Metapher des entfernten Zeckenkopfs. Nach Erikas Tod wird die Wohnung radikal entrümpelt: "Der Geruch von weißer Wandfarbe schleicht durchs Haus." Und mit einem Mal ist Platz für eine Entscheidung, für ein Du - und das heißt Stefan. "An meinem Kopf, an der Stelle der Wunde, schält sich nun die Haut." Vielleicht kann nun endlich Neues beginnen. Man wünscht es Moni mit aller beim Lesen entstandenen Empathie. Denn wie sagte Erika einmal in ihrer lebensklugen Skepsis: "Die Liebe ist wie die Karotte vorm Esel."

Iris Blauensteiner, geboren 1986 in Wien, absolvierte Studien der Bildenden Kunst sowie der Theater-, Film- und Medienwissenschaft, war u.a. Finalistin beim Literaturwettbewerb Wartholz 2012, erhielt 2013 ein DramatikerInnenstipendium des BMUK, war beim Retzhofer Dramapreis nominiert und wurde bei VIS 2014 mit dem Award für "Beste Österreichische Nachwuchsfilmerin" ausgezeichnet.

Iris Blauensteiner, "Kopfzecke", Kremayr & Scheriau, 174 S., 19,90 Euro; Lesungen am 8.9., 19 Uhr, in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Wien 1, Herrengasse 5, sowie am 22.9., 19 Uhr, in der Buchhandlung Thalia, Wien 6, Mariahilfer Straße 99. www.irisblauensteiner.com

Quelle: APA

Aufgerufen am 19.09.2018 um 12:57 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/bewegender-romanerstling-kopfzecke-von-iris-blauensteiner-1147912

Schlagzeilen