Kunst

Buchtipp: Eine recht bizarre Himmelfahrt

Göttliche Komödie: Sibylle Lewitscharoff beherrscht die große Kunst, etwas Schwieriges - wie Dantes Gesänge - leicht zu machen. Wobei: Auf das Wunderbare muss man sich auch einlassen wollen.

Buchtipp: Eine recht bizarre Himmelfahrt SN/Andreas Kolarik
Aufgefahren in den Himmel – aber unter ganz seltsamen Umständen. Von einer solchen Begebenheit handelt dieses Buch.

Dieser Roman mutet dem Leser einiges zu und fordert ihm ziemlich viel ab - etwa die Bereitschaft, sich auf das Entlegene, das Exaltierte, das Wunderbare einzulassen. Was der Leser darüber hinaus mitbringen sollte, ist die Neugier auf einen 700 Jahre alten klassischen Text, der uns ferngerückt ist, auch wenn ihn jeder vom Hörensagen kennt: Dantes "Göttliche Komödie". Wer sich allerdings darauf einlässt, den belohnt "Das Pfingstwunder" von Sibylle Lewitscharoff mit besonderen Lesefreuden.

Bereits das Setting des Romans dürfte den meisten Menschen herzlich fernliegen. Erzählt wird über einen Kongress von Dante-Forschern in Rom, der zu Pfingsten 2013 beim Glockengeläut vom Petersdom mit einem unerhörten Eklat endet: 33 Dante-Forscher steigen plötzlich jauchzend aus dem Fenster des Konferenzsaals im Malteser-Kloster auf dem Aventin, fahren jubilierend zum Himmel auf und verschwinden für immer. Auch drei Leute vom Personal sowie der muntere kleine Tagungsterrier Kenny machen die Himmelfahrt mit.

Zurück bleibt nur der 34. Forscher, der Überzählige, der Dantes Unglücksnummer trägt: Professor Gottlieb Elsheimer aus Stuttgart. Ihm obliegt nun die Chronistenrolle. Dieser Skeptiker und Ungläubige soll das Unerklärliche bezeugen. Er soll den Evangelisten dieses anderen Pfingstwunders spielen, einer fantastischen Geistausschüttung und Sprachverzückung samt Himmelsentrückung, wo ihm doch das "Wunder", dieses "epiphanische Blähwort", nicht über die Lippen will und er stattdessen lieber nur, verlegen und peinlich berührt, von einem "Vorkommnis" spricht.

Der total entgleiste Dante-Kongress

Wer nun denkt, das Tagungsprotokoll über einen wundersam entgleisten Dante-Kongress könne keine spannende Romanhandlung hergeben, der hat nicht Unrecht, irrt aber trotzdem. Denn "Das Pfingstwunder" ist spannend auf andere Weise. Der Roman ist zugleich Gelehrten-Satire, Dante-Nacherzählung, Totengespräch und metaphysisches Capriccio.

Sibylle Lewitscharoff ist eine wort- und bildmächtige Erzählerin mit verschmitzt schwäbelndem Humor und schrägem Witz, hinter dem sich eine eminente Belesenheit verbirgt. Sie versteht es glänzend, ihre Lust an metaphysischen Großfragen durch das lockere und geistreiche Parlando ihres Prosastils zu kaschieren (was manche ihrer Kritiker als "verschroben" oder "manieristisch" missdeuten). Sie beherrscht die große Kunst, das Schwierige leicht zu machen, ohne es zu verflachen. Mit leichter Hand jubelt sie dem Leser ihre persönliche Einführung in Dantes Commedia unter, einen Dante-Kommentar, der sich gleichermaßen profund wie unterhaltsam liest.

Wie die Autorin dieses "Geistgebraus aus alter Zeit" in die Gegenwart überführt und etwa Dantes mittelalterliche Höllenvorstellung mit den heutigen Bildern vom irdischen Inferno in Syrien und sonst wo verknüpft, ist dazu angetan, den Leser für den ungeheuren Stoff der Commedia zu begeistern. Denn Dantes erfundener Bericht über seine Jenseitsreise in Begleitung Vergils - hinab in den Höllentrichter und hinauf auf den Läuterungsberg des Purgatoriums bis ins himmlische Paradies - ist ein Weltgedicht ohnegleichen. Die Commedia fasst Antike und Mittelalter zusammen samt einer Vorahnung der Renaissance. Sie ist das Gründungsdokument des Italienischen als Literatursprache, sie ist zugleich Prophetie, Liebesgedicht, Hymnus auf Beatrice, metaphysische Poesie, Exilklage, politisches Pamphlet gegen das infame Florenz und das verderbte Papsttum, Lehrgedicht, Menschheitsgeschichte, Kosmologie und poetische Gesamtdeutung des Universums. Vor allem ist dieses Versepos im strengen Terzinen-Format mit seinen drei Mal 33 Gesängen plus einem überzähligen, dem 34. Höllen-Canto, ein monumentales Totengespräch.

Schon in einigen ihrer früheren Romane hat Sibylle Lewitscharoff gelegentlich die literarische Form des Totengesprächs erprobt. Im Roman "Consummatus" etwa dringt die Jenseitswelt mit ihren Gespenstern ins banale Diesseits einer Stuttgarter Konditorei ein.

Totengeister im Wodkarausch

Dort hockt ein verwitweter Lehrer und versucht, bei etlichen Wodkas, seine verstorbene Geliebte aus dem Totenreich herauszutrauern, so lang, bis die Totengeister wie die Flocken eines Schneegestöbers um ihn herumwirbeln.

Auch in ihrem Roman "Blumenberg" nimmt sich die Autorin die poetische Freiheit, über die reale Welt hinaus zu erzählen, in eine Jenseitswelt hinein. Sie legt ihrem Romanhelden, dem Münsteraner Philosophen Hans Blumenberg, einen leibhaftigen Löwen auf den Teppich seiner Studierklause - so als wäre er der heilige Hieronymus im Gehäus. Der Löwe ist ein Wunder, eine Epiphanie, eine poetische Fiktion - der Einbruch der Anderswelt, des Absoluten. Auch hier mündet der Roman in ein Totengespräch, in dessen Verlauf der Löwe Blumenberg ins Jenseits reißen wird.

Sibylle Lewitscharoffs große Kunst besteht darin, das realistische Erzählen mit der Sphäre des Überwirklichen so nonchalant zu verschmelzen, dass auch die Welt jenseits des rational Wahrnehmbaren als rational und glaubhaft erscheint. Es liegt auf der Hand, dass solche Verschmelzungskunst früher oder später auf einen Commedia-Roman hinauslaufen würde. Denn Dante hat modellhaft vorgeführt, wie man eine fiktive Anderswelt so realistisch und detailreich ausimaginiert, dass die Jenseitswanderung zugleich durch die irdische Welt mit all ihren Krisen und ihrem Erlösungsbedürfnis führt. Sich daran heute literarisch zu messen ist kein geringes Unterfangen. Vielmehr gebietet es höchsten Respekt.



Sibylle Lewitscharoff: "Das Pfingstwunder", Roman, 350 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2016.

Quelle: SN

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