Kunst

Clemens Schick im Interview: "Resignation ist für mich keine Option"

Viennale: Der Film "Stille Reserven" handelt von einer beklemmenden Zukunft. Doch eigentlich, sagt Hauptdarsteller Clemens Schick, ist diese Zukunft gar nicht so fremd.

Clemens Schick im Interview: "Resignation ist für mich keine Option" SN/sn
Hauptdarsteller des Films „Stelle Reserven“, Clemens Schick.Hauptdarsteller des Films „Stelle Reserven“, Clemens Schick.

Die ewige Ruhe ist den Reichen vorbehalten. Und wer nicht genug Geld für eine "Todesversicherung" hat, dessen Körper wird auf ewig als Energiereserve ausgebeutet: Bei der Viennale feierte am Freitag "Stille Reserven" seine Premiere, ein stylischer Science-Fiction-Film unter der Regie von Valentin Hitz (ab Freitag im Kino). Der stahläugige deutsche Schauspielstar Clemens Schick ("Casino Royale") spielt darin einen systemtreuen Todesversicherungsagenten, der den Widerstand zu unterwandern versucht. Clemens Schick im SN-Interview.

SN: Auf eine ungewöhnliche Weise ist "Stille Reserven" ein Wien-Film, in dem viele ikonische Orte in einem verfremdeten Kontext zu sehen sind. War das für Sie ganz neu?
Clemens Schick: Ich kenne Wien schon länger, weil ich hier am Schauspielhaus war und immer wieder auch für Gastspiele bei den Wiener Festwochen. Wien hat etwas Melancholisches, Altmodisches und zugleich passiert hier so viel in der Kulturszene. Diese Stadt in eine düstere Richtung zu schieben, wie es Valentin Hitz hier tut, halte ich für spannend.

Ein Ort, an dem das besonders auffällt, ist das Tor beim Heldenplatz, mit dem der Film beginnt, schon allein weil das so ein geschichtsträchtiger Ort ist, der schon sehr viel Düsteres erlebt hat. Dieses Heldentor zu einem digitalisierten Checkpoint zu machen, an dem roboterhafte Soldaten stehen, ist visuell natürlich beeindruckend. Und dann gibt es viele Einstellungen im Film, die von unglaublicher Schönheit sind. Deswegen ist Wien so toll für diesen Dreh, weil das so nah beieinander liegt: die Pracht und die Düsternis.

SN: Sie tanzen in einer Filmszene auch mit einer lebenden wienerischen Ikone, mit Dagmar Koller. Wie haben Sie sie erlebt?
Für mich geht es bei der Schauspielerei sehr viel um Haltung dem Beruf gegenüber. Und es macht mich immer wieder glücklich, wenn ich auf Kollegen treffe, die da Vorbilder sind. Und so war auch meine Begegnung mit Dagmar Koller, die unglaublichen Charme hat, eine unglaubliche Disziplin und eine große Leichtigkeit. Ich bewundere sie, und es war ganz fantastisch, dass wir sie für diese Szene bekommen haben. Valentin Hitz wollte da einen Hollywood-Glamour, den es heute eigentlich nicht mehr gibt, und Dagmar Koller ist im positivsten Sinne eine Grande Dame, eine Diva, die das einfach nur durch ihre Erscheinung mit sich bringt.

SN: Science-Fiction erzählt mitunter oft mehr von der Gegenwart als von einer Zukunft. Wie sehr, denken Sie, ist das in "Stille Reserven" der Fall?
Valentin Hitz hat schon vor acht Jahren begonnen, an diesem Buch zu schreiben, und damals waren viele Entwicklungen noch gar nicht so deutlich, die im Film nun unserer Gegenwart sehr ähneln. Der Film ist da also fast visionär. Wenn man die Nachrichten liest, weiß man, dass wir in einer Welt leben, die in Arm und Reich geteilt ist, wie sich das im Film wiederfindet. Und wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht man, dass wir uns eh schon auf eine Ausrichtung auf wirtschaftliche Effektivität eingelassen haben. Und das beschäftigt mich, auch in diesem Film: Wo unterdrücken wir unsere Emotionen, um die Wirklichkeit aushalten zu können?

SN: Angesichts einer Gegenwart, die manchmal fast so beklemmend wirkt wie die Welt von "Stille Reserven", fühlen sich viele Menschen entmutigt.
Ich finde, es gibt überhaupt gar keine andere Haltung, als alles zu tun, um eine mögliche Zukunft zu gestalten. Resignation ist für mich keine Option. Dass das Leben verdammt schwer ist, und dass es gerade gesellschaftspolitisch in Europa so viel schwerer wird, hat viel damit zu tun, dass wir in den letzten dreißig, vierzig Jahren gedacht haben, dass bestimmte Dinge nicht mehr möglich sind, wie etwa der Populismus, den wir gerade massiv erleben. Wir dachten, bestimmte Freiheiten, Werte und Rechte seien unumstößlich, und wir werden gerade überrascht, dass dem nicht so ist. Noch sind wir sprachlos, wir Künstler, Theaterschaffende, auch Journalisten, aber meiner Meinung nach sollten wir jetzt ganz schnell klare Antworten finden, warum es diese Freiheiten zu verteidigen gilt, die wir uns in den letzten fünfzig, sechzig Jahren in Europa erkämpft haben. Aber mich spornen Herausforderungen eher an, als dass sie mich entmutigen.

SN: In "Stille Reserven" ist es ein radikaler Widerstand aus der Zivilgesellschaft, der das System infrage stellt. Sehen Sie auch da Parallelen?
Wir haben in Deutschland und auch in Österreich ein großes gesellschaftliches Engagement, etwa in Bezug auf die Flüchtlingskrise, die ohne die Zivilgesellschaft nicht zu bewältigen gewesen wäre. Aber dieses Engagement muss eine politische Bewegung werden, um eine Antwort zu geben auf einen politischen Populismus. Und das ist ein Punkt, weshalb ich einer Partei (SPD, Anm.) beitrat. Ich bin der Meinung, dass Parteien die Basis unserer Demokratie sind. Und wir müssen uns in die Sozialdemokraten, die Christlichsozialen, die ÖVP oder wie auch immer sie alle heißen, wir müssen uns in diese Parteien einbringen, mit unseren Vorstellungen von "sozial", von "christlich" oder welche Labels auch immer sich diese Parteien gegeben haben. Der große Fehler der letzten Jahrzehnte war, dass man Europa immer mehr reduziert hat auf einen Wirtschaftsraum, und den Werteraum außer Acht gelassen hat. Übertretungen von Schuldengrenzen werden sanktioniert, aber es wird kaum diskutiert, wenn Wertegrenzen verletzt werden, wie von Ungarn oder auch Polen. Das wurde fatalerweise vernachlässigt. Und da muss eine Politisierung stattfinden.

Film: Stille Reserven. Science-Fiction, A/D/CH 2016. Regie: Valentin Hitz.

Mit Clemens Schick, Lena Lauzemis, Simon Schwarz u. a. Start: 28. 10."

Quelle: SN

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