Kunst

"Das Licht zwischen den Meeren": Große Gefühle auf der Insel

Ein Leuchtturmwärter und seine Frau leben abgeschieden auf einer Insel. Da spült die Flut ein Baby an.

Lange war die Romanverfilmung "Das Licht zwischen den Meeren" ("The Light Between Oceans") nur deswegen im Gespräch, weil sich die Hauptdarsteller Michael Fassbender und Alicia Vikander bei den Dreharbeiten auf einer einsamen Insel ineinander verliebt haben sollen. Am Freitag kommt das Kostümdrama ins Kino.

Es geht um ein Leuchtturmwärterpaar, das nach dem Drama zweier Fehlgeburten ein im Boot angetriebenes Findelkind aufnimmt, ohne die Konsequenzen für die Kindsmutter zu bedenken. Der Film läuft auch im Wettbewerb von Venedig, wo sich Regisseur Derek Cianfrance ("The Place Beyond The Pines") für ein Interview Zeit nahm.

SN: Zwei Schauspieler haben sich am Set ineinander verliebt. Hatte das Einfluss auf Ihren Film?
Derek Cianfrance: Ich kann dazu nur sagen: Der Film ist Zeuge dessen, was im Leben passiert ist. Ich bin sozusagen Dokumentarist der Fiktion. Also ja.

SN: Inzwischen ist Alicia Vikander Oscar-Preisträgerin, aber damals war sie noch recht unbekannt. Was hat Sie an ihr begeistert?
Ich habe meiner Casting-Agentin gesagt: "Ich brauche für diesen Film Vivien Leigh aus ,Vom Winde verweht', Gena Rowlands aus Cassavetes' ,Eine Frau unter Einfluß' oder Emma Watson aus ,Breaking the Waves'." Und sie hat gesagt: "Gut, dann brauchst du Alicia Vikander." Ich kannte Alicia damals noch nicht, aber sie kam zum Vorsprechen und hat gemacht, was all meine Lieblingsschauspielerinnen und -schauspieler tun, nämlich scheitern und überraschen. Sie ist das Herz des Films.

SN: Die Geschichte hat fast die Dimension einer griechischen Tragödie: Es gibt keinen Schurken, aber Schuld. Hat Sie das an diesem Stoff interessiert?
Ja, für mich wirkt diese Konstellation fast biblisch. Ich hatte gezielt nach einer Geschichte gesucht, in der es weder Helden noch Bösewichte gibt. In all meinen Filmen ist das so, da treffen Leute mit den besten Absichten emotionale Entscheidungen, die fürchterliche Konsequenzen haben.

Ich bin davon besessen, Menschen nicht zu beurteilen. Ich war einmal Geschworener bei Gericht, und die Argumente der Staatsanwaltschaft haben mich von der Schuld des Angeklagten komplett überzeugt - bis der Verteidiger sprach und ich ganz sicher war: Dieser Mensch muss unschuldig sein. Ich bin unfähig, ein Urteil zu treffen. Im Kino ist es natürlich simpler, wenn es eindeutige Schurken gibt, aber ich habe im ganzen Leben noch niemanden getroffen, der eindeutig gut oder böse gewesen wäre. Ich bin selbst ja auch ein netter Typ, und zugleich ein Widerling, und diese Dualität interessiert mich.

SN: Ihre Filme zuvor waren nah am Zeitgeist, dieser Film hingegen ist ein klassisches Kostümdrama. Gibt es trotzdem wiederkehrende Themen?
Klar gibt es die. Hier lebt ein Mann auf einer Insel, und er hat eine Frau, und gemeinsam verbergen sie ein Geheimnis. Das hat mich daran erinnert, wie ich als Bub immer gedacht habe, meine Familie wäre auch wie so eine Insel: Immer, wenn wir Besuch bekamen, veränderten wir uns komplett und spielten perfekte Versionen von uns selbst. Und erst, wenn wir wieder allein waren, wurden wir wieder echt.

Familien haben immer private Geheimnisse, auch wenn sie ganz banal sind, und das beschäftigt mich auch in meinen Filmen. Schon als Kind habe ich versucht, meine Familie in ehrlichen Momenten aufzunehmen: Ich habe sie beim Streiten fotografiert. Und als wir nach Disneyland gefahren sind, habe ich keine Fotos von dort gemacht, sondern ein Video davon, wie mein Dad nach einem Reifenplatzer mitten in der Wüste den Reifen wechselt. Dieser Film bot mir die Gelegenheit, diese metaphorische Insel, aus der jede Familie besteht, real umzusetzen.

Kino: The Light Between Oceans. Literaturverfilmung, USA 2016.
Regie: Derek Cianfrance. Mit Alicia Vikander, Michael Fassbender, Rachel Weisz, Bryan Brown,Jack Thompson. Start: 9. September.

(SN)

Aufgerufen am 18.06.2018 um 07:29 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/das-licht-zwischen-den-meeren-grosse-gefuehle-auf-der-insel-1088617

Meistgelesen

    Schlagzeilen

      SN.at Startseite