Kunst

"Das Wohnzimmer der Familie Glück" erzählt Geschichte

Es sind Möbel, die eine Geschichte erzählen, direkter und berührender, als es Worte je könnten: Ab morgen, Mittwoch, zeigt das Jüdische Museum Wien das "Wohnzimmer der Familie Glück". Ein zweckmäßiges Einrichtungsensemble aus dem Wien der 1920er-Jahre, das Zeuge von Vertreibung, Deportation und Neuanfang war und nun von langer Reise zurückgekehrt ist.

"Das Wohnzimmer der Familie Glück" erzählt Geschichte SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Spera verschlug es beim Anblick der Möbel fast den Atem.

"Diese Schenkung ist eine ganz besondere Sache für uns", so Museumsdirektorin Danielle Spera am Dienstag vor Journalisten. Von Henry (Heinz) Glück war sie nach dem Tod seiner Stiefmutter Herta Kleeblatt-Glück in New York kontaktiert worden, man würde das Wohnzimmer, das sein Vater Irving (Erwin) bei der Flucht aus Wien nach New York verschiffen lassen konnte, gerne dem Museum schenken. "Diese Möbel waren nichts besonderes, aber sie waren ihnen wichtig, sie haben damit gelebt und sie wollten sie behalten", sagte Henry Glück heute.

Er selbst war damals vier Jahre alt, flüchtete mit seinen Eltern zunächst nach Nizza, wo seine Mutter Lily gefangen genommen, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Sein Vater war bereits vorausgereist nach New York, er selbst kam zunächst bei einem Priester und dann bei einer französischen Familie unter, die ihn als ihren Neffen ausgab. Sein Vater holte ihn später nach New York, doch schon seit Studientagen lebt Glück wieder in Frankreich.

Das Ensemble im Stil der 20er-Jahre war aber nicht nur Zeuge der Flucht, sondern auch des rasanten sozialen Aufstiegs der Kürschner-Familie. Erst 1900 war Hersch Glück aus dem Schtetl in der heutigen Westukraine nach Wien gekommen, als das was man heute "Wirtschaftsflüchtling" nennen würde, auf der Suche nach einem besseren Leben. Innerhalb weniger Jahre zog man von Ottakring in die Leopoldstadt und schließlich in die Innere Stadt, an den Fleischmarkt, wo auch die neu erworbenen Wohnzimmermöbel aufgestellt wurden. Auch in New York würde die Familie schnell Fuß fassen.

"Es ist das ganz klassische Schicksal einer Wiener jüdischen Familie", betonte Spera. Als sie die Möbel besichtigte, und in einer Wohnung mitten in Forest Hills in Queens auf dieses typische Wiener Wohnzimmer gestoßen war - "das viele von uns vielleicht an die Wohnungen der Großeltern erinnert" - habe es ihr fast den Atem verschlagen. "Diese Reise, diese Schicksale, die daran hängen, das war sehr emotional", so Spera.

Neben dem persönlichen Aspekt der Familiengeschichte seien die Stücke aber auch als zeitgeschichtliche Quelle von Interesse, so Kuratorin Adina Seeger. "Im Museum sehen wir meist die Spitzenstücke einer Stilrichtung - aber das ist die wirkliche Kultur- und Alltagsgeschichte der Wiener Mittelschicht jener Jahre." Um Möbel wird die Sammlung des Jüdischen Museums derzeit überhaupt reicher: Unter einer Reihe von Donationen befindet sich etwa ein Spieltisch, den Chemie-Nobelpreisträger Martin Karplus dem Museum geschenkt hat. Sein Großvater, der Neurophysiologe Johann Paul Karplus, hat daran gespielt - etwa mit seinem Studienfreund, einem gewissen Sigmund Freud.

(SERVICE - "Das Wohnzimmer der Familie Glück", von 28. September bis 26. März. Jüdisches Museum Wien; www.jmw.at)

Quelle: APA

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