Kunst

"Demolition": Ohne Ende gibt es keinen Anfang

In "Demolition" entdeckt ein erfolgsverwöhnter Investmentbanker durch eine Katastrophe, wie leer sein Leben bisher war.

In der Katastrophe wartet die Chance. Oder, um Hermann Hesse umzudeuten: Jedem Ende wohnt ein Zauber inne: In "Demolition - Lieben und Leben" ist es ein tödlicher Unfall, der dem saturierten Investmentbanker Davis (gespielt von Jake Gyllenhaal) sein verpatztes Leben verdeutlicht. Gerade noch war er im Auto auf dem Heimweg mit seiner netten jungen Ehefrau, sie hat ihm von einem kleinen Streit erzählt, und dass der Kühlschrank ein Leck hat. Dann rammt sie ein anderer Wagen. Sie ist sofort tot. Und er fühlt: nichts. Im Spital scheitert er an einem Süßigkeitenautomaten, und schreibt dem Kundenservice der Automatenfirma einen langen, vorwurfsvollen Brief.

Denn ein anderes Gegenüber hat er nicht, dieser Mann, der immer erfüllt hat, was andere von ihm wollten: Das Studium, das ihm die besten Karrierechancen eröffnete, die Ehe, die ihm den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht hat, den Job, den der Vater seiner Frau ihm beschafft hat. Aber wollte er das denn je? Und warum fühlt er nichts, wo doch seine Frau gestorben ist? Erst, als er beginnt, sein Haus, seine Besitztümer, sein Leben zu demolieren, regt sich allmählich etwas wie ein Bewusstsein für das, was mit ihm passiert ist. All das steht in dem Brief an die Automatenfirma. Und irgendwann läutet dann Davis' Telefon, und am Apparat ist Karen (Naomi Watts), die Dame vom Kundenservice. Und zum ersten Mal ist da eine Person, die ihm wirklich zuhört.

Nicht von ungefähr erinnert die Ausgangslage von "Demolition" an die Grundkonstellation von "Schlaflos in Seattle", nur dass Davis ein wesentlich zynischeres Leben führt als Tom Hanks in der Rolle des verwitweten Jungvaters, und Karen ihre eigenen Probleme hat: Sie kifft zu viel, sie hat eine leidenschaftslose Beziehung mit ihrem Arbeitgeber, ihr Sohn baut in der Schule ständig Mist. Dass sich ausgerechnet diese beiden begegnen und aneinander Trost finden, könnte zum puren Kitsch führen, zumal Bryan Sipe, Drehbuchautor von "Demolition", soeben erst die Nicholas Sparks-Schmonzette "The Choice" fürs Kino adaptiert hat.

Doch der Regisseur heißt hier Jean-Marc Vallée, und der ist einer, der immer wieder Klischees bricht: Sein seltsames Melodram "Café de Flore" (2011) um zwei metaphysisch miteinander verbundene Dreiecks-Liebesgeschichten war schon so, ungeniert gefühlsbetont, ein Film, dem sich trotz seiner Schwächen schwer zu entziehen war. Mit "Dallas Buyers Club" (2013) katapultierte sich Vallée nach Hollywood, Matthew McConaughey als aidskranker Rodeohengst und Jared Leto als transsexuelle Tänzerin bekamen Oscars. Danach inszenierte Vallée "Wild" mit Reese Witherspoon. Allen Arbeiten ist eines gemeinsam: Wo er nach Rezept arbeitet, ist Vallée banal, doch wenn er davon abweicht, in Nebenfiguren, in Details, entstehen kleine Wunder.

Auch "Demolition" entwickelt gerade in den Brüchen und den rauen Momenten besonderen Reiz. Dass etwa Karen zwar selbst reichlich kaputt ist, ohne dass ein großes Trauma zur Rechtfertigung herangezogen wird, ist so ein Moment, oder dass ihr Sohn Chris in der Schule lieber Dinge anzündet, als politisch unauffällige Referate über den US-Einsatz in Afghanistan zu halten. Dieser Sohn auf Identitätssuche (Entdeckung Judah Lewis in seiner ersten größeren Rolle) ist es auch, der für Davis zum eigentlichen Gegenüber wird. "Meinst du, ich bin schwul?" fragt der Bub den älteren Freund, und der gibt ihm einen traurig realitätsnahen Rat: "Verhalte dich unauffällig die nächsten Jahre. Sobald du alt genug bist, hau ab und geh in eine Großstadt, am besten San Francisco."

Dass ein Schock helfen kann, um aus der Katastrophe eines verlogenen Lebens herauszufinden, erläutert "Demolition" drastisch. Dass es unterwegs ein wenig kitschig werden kann: geschenkt. Interessant bleibt, wie Vallée wieder und wieder Filme macht, deren Randfiguren reizvoller sind als die großen Figuren in der Mitte.

Film: Demolition - Leben und Lieben. USA 2015. Regie: Jean-Marc Vallée. Mit Jake Gyllenhaal, Naomi Watts, Chris Cooper, Judah Lewis. Start: 17.5.

Quelle: SN

Aufgerufen am 15.08.2018 um 09:15 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/demolition-ohne-ende-gibt-es-keinen-anfang-1350421

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